Donnerstag, 19 September 2019 10:36

13.-14.09.2019 - PROPHECY FEST 2019 - BALVER HÖHLE, BALVE - TAG 1

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Als Prophecy Productions Anno 2015 ankündigte, dass es zu Ehren des 20-jährigen Bestehens ein Jubiläumsfestival mit speziellen Bands aus eigenem Kader veranstalten würde, löste man eine Welle der Begeisterung aus. Fand das Event in der Erstauflage noch als Ein-Tages-Fest statt, wuchs man 2016 bereits zu einem Zwei-Tages-Spektakel heran und holte auch Label-übergreifend besondere Bands ins Line-Up. Nach den überaus beliebten ersten drei Ausgaben des Label-eigenen Prophecy Fests in den Jahren bis 2017 gaben die Veranstalter früh bekannt, dass man 2018 mit einem Event in der wunderschönen Balver Höhle im Karstgebiet zwischen Westfalen und Sauerland aussetzen, dafür aber 2019 in die Eventstätte zurückkehren werde – gesagt, getan: Das Special Interest-Label lud mit besonderem Programm am Wochenende des 13.-14. September zur nunmehr 4. Ausgabe ihres auserlesenen Events und damit zu einer Musikveranstaltung der Extraklasse.

Besucher der vorherigen Jahre dürften nicht in ihren Grundfesten erschüttert worden sein, da sich am Aufbau und der Organisation der Veranstaltung eher wenig verändert hatte. Der Vorplatz der Höhle war erneut Ort zum Socializen, wo Bier- und Essensstände zu finden waren, die vergünstigten Merch-Stände fand man in den hinteren Höhlenbereichen (wo auch nicht wenige Besucher viele ihrer Scheine ausgegeben haben dürften). Etwas enger gestalteten sich diesmal allerdings die Zeltplätze, da eine große Wiese am Höhlenhang wohl kurzfristig doch nicht für die Besucher zur Verfügung stand und somit Teile des unteren Parkplatzes fürs Zelten designiert wurden – jeder Besucher erhielt zudem wieder das liebevoll und aufwändig gestaltete Programmbuch samt 2 CDs mit nahezu allen Künstlern des diesjährigen Billings und durfte sich Teil eines mitunter elitären, hochkarätigen Events fühlen. Dieses verkommt eben nicht wie bei anderen Veranstaltungen zu einem kleinen Werbeheftchen, sondern kommt hier als schickes Artbook daher – hatte das Label im ersten Jahr noch Tenhi-Musiker Tyko Saarikko, 2016 Fursy Teyssier von Les Discrets und 2017 der Künstler Irrwisch für die optische Aufmachung des gesamten Events gewinnen können, zeichnete sich diesmal der französische Künstler David Thiérrée als Art Director verantwortlich, dessen einzigartige Kunstwerke auch im hinteren Höhlenteil ausgestellt wurden.

Am Freitag sollte das Programm gegen 15:30 Uhr beginnen. So versammelte sich die Besucherschaft am asphaltierten Straßenaufgang zum Vorhof-Gelände der Höhle, welche mit großen Planen verhangen war, aber schon von weitem mit Prophecy-Logo-Flaggen als „eingenommen“ erkennbar war. Für Erstbesucher war die Kulisse der Höhle sicherlich erneut eine ziemliche Augenweide, dazu die kalte, aber erhabene Optik beim ersten Betreten des Inneren, die hübsche Ausleuchtung.

Den Beginn machten die britischen Black Metal-Okkultisten A Forest of Stars, welche erst vergangenes Jahr mit ihrem neuen Album „Grave Mounds and Grave Mistakes“ aufwarten konnten. Das berüchtigte Konglomerat von Exzentrikern der progressiven und Lyrik-verliebten Spielart des extremen Genres zwischen lyrischen Motiven von Edgar Allan Poe und Oscar Wilde und einem über allem schwebenden Folk-Glitter sind die Dame und die Herren schon länger eine Klasse für sich. Als Mr. Rick Blakelock, aka The Gentleman, und Mr. Curse himself die Bühne betraten, legten die Engländer mit ihrer atmosphärisch hochwertigen Show los. Nach kurzem Instrumental starteten die  Nostalgiker mit dem Mammut-Song „Precipice Pirouette“ vom jüngsten Werk. Stilistisch ist der chaotisch anmutende Psychedelic-Duktus der Songs auch live eine Wucht, die immer wieder durch die Gesangsstimme von Katheryne, Queen of the Ghosts, und ihrem Violinenspiel garniert wird. Dennoch entfalteten A Forest of Stars nicht dieselbe Wucht, die sie mit ihren Studio-Aufnahmen erreichen – was schade ist, wenn man die Band schon einmal woanders live erlebt hat, wo das Ganze intensiver wirkte. Mimik und Gestik des Frontmanns zeugten aber von Hingabe und Wahnsinn, so wie es die albtraumhaften Visionen von Liedern auch vermitteln sollen. Der Mann fleht, blickt gen Himmel, brüllt, kehrt sein Innerstes nach außen. Ein guter, wenn auch nicht wie erhofft überzeugender Auftakt, der aber schon alleine wegen Mister Curse und seiner Inbrunst getragen wurde.

Sun of the Sleepless als exhumiertes Projekt von Markus Stock, besser bekannt als Schwadorf, überzeugte zwar mehr, kam dafür aber auch bestenfalls routiniert rüber. Die starken Stücke vom Album „To The Elements“ wie „The Owl“ oder „Phoenix Rise“ sind schlicht großartig, auch ältere Stücke wie „Romanze zur Nacht“ kommen immer wieder gut. Während aber die Live-Rückkehr auf dem 2017er Prophecy Fest noch weit atmosphärischer war und sich auch für Bühnendeko in Form von großen Fackeln mehr Mühe gegeben wurde, war der Gig diesmal eher schlicht gehalten. Anhänger des Schaffens Schwadorfs hatten womöglich auch drauf gehofft, bereits einen Einblick in die im Dezember erscheinende Split mit dem neuen Projekt Cavernous Gate um Helrunar- und Sun of the Sleepless-Drummer S. Körkemeier zu erhaschen, was leider ausblieb. Dennoch sind die Songs von Schwadorfs Herzblut-Projekt einfach zu gut, zu elaboriert, zu ästhetisch, um sie nicht auch live genießen zu können, egal wie das Drumherum gestaltet wird. Und die Höhlenkulisse an sich sorgt ja ohnehin schon für einen eindrucksvollen Rahmen einer jeden Live-Darbietung. Dass die videographische Begleitung im Hintergrund zwischendurch von Windows unterbrochen wurde, klammern wir da gerne aus.

Ebenfalls heiß erwartet wurden die Auftritte des aufgesplitteten Programmpunkts Farsot/ColdWorld – schon alleine weil das Solo-Projekt ColdWorld um Georg Börner (auch bekannt von Sangre de Muerdago) auf dem diesjährigen Prophecy Fest sein Live-Debüt feiern durfte. Die Idee die Songs seines Projekts auf die Bühne zu bringen, kreiste schon lange im Kopf des Musikers, nun setzte er diese gemeinsam mit den Thüringern Farsot um. Der geteilte Auftritt umfasste mehrere Stücke der gemeinsamen Split-EP „Toteninsel“ von 2018 – die Stücke „Erde I“ von Farsot und das Song-Doppel „Wasser I“ und „Wasser II“ von ColdWorld markierten die Highlights des Programmpunkts. Aber auch Farsots „Fail-Lure“-Klassiker „With Obsidian Hands“ brachte dem Publikum in der Balver Höhle tiefgründige, finstere Lyrik samt brachialer Klänge bei. Für Anhänger beider Projekte ein Augen- und Ohrenschmaus – wer allerdings mit beiden Acts wenig anfangen konnte, den dürfte das Ganze nicht sonderlich mitgerissen haben. Ohne die Stücke zu kennen, ohne den Zugang zum Gesamtopus beider außerordentlicher Künstlereinträge zu haben, war der Auftritt nämlich ansonsten recht unspektakulär.

Katla um den früheren Sólstafir-Schlagwerker Guðmundur Óli Pálmason überzeugten mit luftigerem Post Rock mit melancholischem Überzug, der natürlich auch ein wenig an den Sound seiner früheren Band erinnert, aber gänzlich eigenständig daherkommt. Auch hier muss man leider sagen, dass die atmosphärische Stärke, der Eskapismus des Albums in Studioform, live nicht so recht vermittelt werden konnte.

Disillusion aus Sachsen dürften tatsächlich auch nicht so viele Besucher auf dem Schirm gehabt haben: Progressiv und melodisch kommt ihre gestrenge, anspruchsvolle Death Metal-Musik mit Post-Anschlägen daher und sie markieren einen recht jungen Neuzugang beim Prophecy Productions. Ihre Show kam routiniert daher, auch wenn die Band in den vergangenen Jahren nicht gerade häufig live auftrat, setzte den Fokus auf das neue Album „The Liberation“ und überraschte mit Abwechslungsreichtum und besonderen Elementen wie dem pointierten Einsatz einer Trompete. Im Gespräch mit verschiedenen Besuchern konnte man im Vorfeld heraushören, dass die Erwartungen an den Gig von Disillusion eher gering waren oder sogar geplant wurde, die Band zu überspringen – wer aber in der Höhle blieb und Stücken wie „Wintertide“ oder „The Mountain“, sowie dem exzentrischen Auftritt von Frontmann Andy „Vurtox“ Schmidt lauschte und sich dem ganz und gar nicht in die Kategorie „easy listening“ einzuordnenden Sound hingab, wurde gewiss eines Besseren belehrt.

Alcest um den französischen Musiker Neige hingegen dürfte die meisten Besucher vor die Bühne in der Balver Höhle gelockt und gewiss auch für den Verkauf vieler Ein-Tages-Tickets gesorgt haben. Wer die träumerischen, rauschhaften Auftritte der Band kennt, die bereits mit diversen Black Metal-Bands, aber auch Post-Rock-Gruppen wie Anathema oder Mono tourte, der weiß, dass die soghaften Stücke gerade live unter Hypnose setzen können. Mit Songs wie „Écailles de Lune“, „Oiseaux de proie“ oder „Autre temps“ begannen Neige und seine Begleitmusiker mit einem groben Querschnitt des Besten vom Besten aus Alcests bisherigem Opus. Besonders stark ist dabei der Spagat zwischen Blackgaze-durchsetzten, rasenden und mit Growls gespickten Songs und den eher zurückhaltenden, beinahe minimalistisch gehaltenen Stücken aus der „Shelter“-Ära. Leider wurde früh angekündigt, dass zwar mit „Spiritual Instinct“ ein bald erscheinendes Neuwerk anstehe, von dem aber kein Song präsentiert werden könne – sehr zum Unmut vieler Fans in der steinernen Kuppel. Das könnte aber damit zu tun haben, dass Alcest, nachdem sie lange als Exportschlager des Labels Prophecy Productions galten, mit ihrem neuen Album zum Major-Label Nuclear Blast wechselten.  Dennoch: Große Melancholie, traumhafte Passagen, Eskapismus und einlullende Melodien machen einen jeden Gig von Alcest zu einem besonderen, intensiven Erlebnis.

Strid umd Dødheimsgard- und Ved Buens Ende-Frontmann Vicotnik markierten ebenfalls einen sehr besonderen Eintrag im Kader des diesjährigen Prophecy Fests – in den 90ern erschienen mit „End of Life“ eine Demo und eine selbstbetitelte EP, danach gerieten andere Projekte der norwegischen Musiker eher in den Fokus des Werkens. Die Band gilt trotz ihres doch eher geringeren Bekanntheitsgrads als Erschaffer des depressiven, schwermütigen Spektrums im Black Metal. Genau das lieferte die Band auch mit ihrem Abschluss-Konzert des Freitags: Tiefschwarz angestrichene, naturverbundene Klangwelten, bei der die Songs nahtlos zu einem Gesamtfluss ineinander übergingen. Ein gelungenes Finale für den ersten Tag.

Hier geht es zum Bericht vom Samstag.

All Photos by Anna Apostata

Weitere Informationen

  • Band(s): A Forest Of Stars, Sun of the Sleepless, Farsot/ColdWorld, Katla, Disillusion, Alcest, Strid
  • Wann: 13.09.2019
  • Wo: Balver Höhle, Helle 2 58802 Balve
Gelesen 348 mal Letzte Änderung am Freitag, 18 Oktober 2019 11:20
Haimaxia

Impavidi progrediamur - sic itur ad astra.