Dienstag, 05 April 2016 08:50

Neversun – Archaic Interpretation of Freedom

geschrieben von Soundchaser
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Archaic Interpretation of Freedom Archaic Interpretation of Freedom Neversun

Death Metal aus Bremen. Hm. Bandschriftzug so lala. Cover auch. Von einem Duo. Aha. Und einer spielt auch noch (fast) alle Instrumente. Außer den Drums. Und dann mal wieder so ein verzwickter Albumtitel. Klingt ja wie eine Doktorarbeit - Dr. Dr. Anders Neversun: „Archaic Interpretation of Freedom“. 

Doch dieses Album ist glücklicherweise kein einschläferndes Pamphlet, sondern schlichtweg ein unterhaltsames und frisches Werk, das trotz aller Härte mehr zu bieten hat als Knüppelattacken und Rumpeldrums. Sicher wäre es auch mal extrem unterhaltsam, wenn ein wissenschaftlicher Text mit Growlstimme vorgetragen würde (habe gerade einen Flashback meiner FH-Zeit), doch bleibt dies bisher doch ein Alleinstellungsmerkmal extremer Metalerzeugnisse. Und das ist auch gut so, denn es trägt wesentlich dazu bei, sich vom vokalen Weichspüleinerlei, das tagtäglich zuhauf auf Brechreizmusiksendern dargeboten wird, abzuheben. Eine vergleichsweise leichte Übung.


Ungleich schwieriger ist es, wenn Death Metal-Combos vermeiden wollen, stereotype Alben zu veröffentlichen. Klischees sind lästige kleine Biester, die ständig um einen herumschwirren und versuchen, das Gift der Gewöhnlichkeit und Nachmacherei zu injizieren. Sie sind wie die dunkle Seite der Macht – schneller, leichter, verführerischer. Neversun indes sind diesen Verlockungen nicht erlegen. Die Band schafft es, mit „Archaic Interpretation of Freedom“ ein Album abzuliefern, das sich deutlich aus dem Morast der Death Metal-Einförmigkeit heraushebt - und das ist schon mal viel wert. Schon der Opener „Far from the Near – Field of my Soul“ ist ein Trip in die tiefsten Tiefen der Seele, düster, melancholisch, melodisch, im Tempo noch zurückhaltend und mit über sechs Minuten Spielzeit für manchen Ungeduldigen möglicherweise so unnötig wie das Vorspiel vor dem eigentlichen Vergnügen, doch eben dies zeigt schon: Neversun halten nichts von Dauergeknüppel und Polkadrums, sondern von echten Songs.


Mit „Embracing the Downfall“ geht es dann aber doch richtig zur Sache. Vorspiel zu Ende. Das Einstiegsriff zeigt wieder einmal, wie man mit wenigen Tönen richtig geil die Abrissbirne schwingen kann, die Drums poltern, die Growls sitzen fester als mit 3-Wetter-Taft, auch „Morbid Passion“ prescht nach vorne wie ein durstiger Gaul beim Anblick des gefüllten Trogs, doch beide Songs bieten trotz hohen Tempos und brachialer Gitarren genügend Struktur, um nicht zu einem Presslufthammercontest zu verkommen. „Soulless Gear“ macht es einem nicht leicht, die verzwickten Trommelrhythmen (offenbar Congas) empfinde ich als etwas anstrengend – aber: Respekt für die ungewöhnliche Idee! „Another Day in Darkness“ beginnt mit düster-doomigem Gitarrenteppich und angezogener Handbremse – feine Sache! Melancholisch, verzweifelt und intensiv und insgesamt auf einer solchen Scheibe mindestens so sinnvoll wie die obligatorische Pinkelpause auf einer längeren Autofahrt. „Optimism is Heavy“ ist Marschmusik à la Death Metal Style und doch alles andere als stumpf und dröge. „Prestige is a Lie“ beginnt mit sphärischen Klängen, darüber einsetzenden soften und gezupften Gitarren. Äh...wie? Ja, aber wirklich nur kurz, dann hören Neversun mit dem Gezupfe auf und reißen einem die Augenbrauen samt Gesichtshaut vom Schädel. Am Ende gibt es noch ein kurzes melodisches Outro, das so abrupt endet, dass ich zunächst unsicher war, ob die Sounddatei beschädigt ist. Nee – das ist so! Als hätte man den Strom abgeschaltet. Krass. Irgendwie.


Tracklist:

1.     Far from the Near – Field of my Soul

2.     Embracing the Downfall

3.     Morbid Passion

4.     Soulless Gear

5.     Another Day in Darkness

6.     Optimism is heavy

7.     Prestige is a Lie


Bewertung:

7,5 von 10 Punkten


Weitere Informationen

  • Band: Neversun
  • Album Titel: Archaic Interpretation of Freedom
  • Erscheinungsdatum: 24.04.2015
  • Fazit: Harte Kost aus der Stadt der Stadtmusikanten – roh, aggressiv, düster, intensiv, spannend und ein unterhaltsames Album für Death Metal Fans. Nix jedoch für Buchhalter, Bäumestreichler und Badewannenkapitäne.
Gelesen 3226 mal Letzte Änderung am Dienstag, 05 April 2016 08:58

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Prestige Is A Lie Neversun