Interview mit Dany Reinhardt (Ragnarock Open Air)

Dany Reinhardt (links) Dany Reinhardt (links)

Dany Reinhardt, seines Zeichens Veranstalter des Ragnarock Open Airs und Chef der Bifröst Events Agentur hatte unlängst mit seiner Band Unwhole das Vergnügen, am Bangalore Open Air als Vertreter des Deutschen Metals den Indern zu zeigen, wo das Curry zuhause ist. Die Gruppe wurde dabei von einem kleinen Filmteam begleitet, das den ganzen Trip als Mini-Doku verarbeiten wird. Zeit für uns Dany mit ein paar Fragen zu löchern!

UG: Hi Dany!

Dany: Hi Grave


UG: Natürlich interessiert mich wie der ganze Trip zustande kam - die indische Band Kryptos hat 2013 auf deinem Festival gespielt und was ist dann passiert?

Dany: Der Manager der Band ist gleichzeitig Veranstalter des Bangalore Open Air in Indien. Wir haben uns sehr schnell mit den Jungs von Kryptos angefreundet und bei ein paar Bieren sind wir auf die fixe Idee gekommen, sie auch mal in Indien besuchen zu kommen. So weit so gut, auf solche Ideen kommt man ja durchaus öfter mal, ohne die Sache wirklich ernst zu meinen. Ich bin halt verrückt genug, das dann auch in die Tat umzusetzen. Natürlich war es ziemlich schwierig, ein funktionierendes Team zusammenzustellen, sowohl terminlich als auch finanziell. Als dann die Vorbereitungen abgeschlossen waren, wurde das Festival 2014 von Juni auf September verschoben und unser Kamerateam war für diesen Zeitraum nicht verfügbar. Also mussten wir den Trip schweren Herzens absagen, aber es hat ja glücklicherweise in diesem Jahr geklappt.

 

UG: Wie groß war denn der Tross beim Abflug und wie muss ich mir Planung vorstellen? Hotel buchen, Impfungen reinprügeln, und dann einfach los?

Dany: Naja, zunächst wollte ich gern noch eine zweite Band mitnehmen für die uns der Veranstalter ebenfalls einen Slot zugesagt hat. Dann habe ich die Flüge für insgesamt 14 Leute gebucht und mich über die Einreisebestimmungen informiert. Es mussten Visa beantragt werden und einige Reisepässe wurden erneuert. Die ganze Reisegruppe hat sich durchimpfen lassen und dann hat sich die erwähnte Band spontan aufgelöst. Also mussten Flüge storniert und umgebucht werden, was natürlich zusätzlich Geld gekostet hat. Am Ende bestand die Travelparty aus 4 Musikern, einem dreiköpfigen Kamerateam, einem Fotografen sowie unserem ROA-Securitychef Lars und meinem Kollegen Björn, der für diese Reise den Job des Bandmanagers übernommen hat.

 

UG: Wie kann man sich das Bangalore Open Air vorstellen? Wie Wacken?

Dany: Es scheint dort zumindest üblich zu sein, wie in Wacken schön auf dicke Hose zu machen. Es war schon etwas entäuschend, statt der 8.000 angekündigten Besucher lediglich ca. 1.200 vorzufinden. Trotzdem war der Eindruck aus Sicht eines Besuchers positiv. Ein astreines Gelände, super Technik, tolle Bühne und zumindest bei den späteren Bands ein guter Sound. Wir mussten leider überraschenderweise als Opener die Bühne entern, was so im Vorfeld nicht abgesprochen war. Da die Türen zeitgleich mit unserem Showbeginn geöffnet wurden, mussten wir den Gig vor einer handvoll Zuschauern beginnen. Es war unglaublich heiß auf der Bühne und wir haben unsere Getränke leider erst am Ende der Show bekommen. Es gab keinen Backstagebereich und wir wurden aufgefordert, unser Catering selbst zu bezahlen, obwohl wir ohne Gage gespielt haben.

Bei unserer Ankunft war das angekündigte Taxi zum Hotel nicht da und wir wurden anstelle des angekündigten Hotels kurzerhand in ein anderes, weiter entferntes Hotel gebracht. Kurzum: Es gab gewisse Lücken in der Organisation seitens des Veranstalters. Dennoch würde ich einen solchen Trip jederzeit wieder machen, denn jeder einzelne von uns hat neue Eindrücke und unvergesslicher Erfahrungen mit nachhause genommen. Und das ist unter`m Strich der Grund, weshalb ich diese Reise überhaupt organisiert habe. Die Jungs von Kryptos haben sich außerdem vor Ort als unglaublich gute Gastgeber und echte Freunde erwiesen, wir werden mit Sicherheit weiterhin in Kontakt bleiben. Wir sehen uns ja auch auf dem diesjährigen Ragnarock wieder, wo Kryptos wieder unsere Gäste sein werden.

 

UG: Also eine Tour mit Macken aber um eine Erfahrung reicher sozusagen! Wobei 1200 ja schon wirklich mager ist - Würdest du nach euren Erfahrungen sagen Metal im Allgemeinen" ist in Indien (noch) kein echtes Thema?

Dany: Metal ist in Indien ein sehr wichtiges Thema für eine wachsende Anhängerschaft. Ich denke, man kann das mit der deutschen Szene Anfang der 80er vergleichen, zumindest was Enthusiasmus und Wildheit angeht. Noch gibt es vielleicht nur einige Zehntausend Metalheads in Indien, aber in den letzten 5 Jahren scheint sich deren Zahl vervielfacht zu haben und es gibt keine Anzeichen, dass sich dieses Wachstum nicht weiter fortsetzen wird. Gerade aufgrund ihrer extrem korrupten Politik und fehlender Kompetenz der Regierung nutzen die Metaller in Indien die Musik als Ventil, ihrem Zorn Luft zu machen. Ich meine, so war das ja auch bei uns.

Zumindest ich habe mich Ende der Achtziger dem Metal zugewandt, weil ich nicht damit einverstanden war, wie die Massenmedien und das ewige Kohl-Regime die Bevölkerung in eine antisoziale Konsumgesellschaft gepresst haben. Heute mag unsere Musik im Mainstream angekommen und jegliche politische Motivation verblasst sein, aber für uns war das damals die pure Revolution! Und genau dieses Gefühl hatte ich seit langem wieder in Indien gespürt. Verdrossenheit und Angepisstheit mit dem Drang, etwas verändern zu wollen oder zumindest den Protest herauszuschreien. Ich sehe demnach großes Potential in der indischen Metal-Szene.

 

UG: Den Pioniergeist wünscht man sich hier tatsächlich noch zurück und ich weiß noch wie revolutionär und neu das noch alles in meiner Jugend war - Die Zeit wünsch ich den Leuten dort! Aber sag an, was war für dich persönlich der größte "Culture Clash" auf der Reise? Und um ein Klischee zu bedienen - Wer hatte als erstes explosive Diarrhö?

Dany: *lacht* wirklich erwischt hat´s nur unseren Schlagzeuger Jens, allen anderen ging´s erstaunlich gut. Naja, einen richtigen Kulturschock hatte ich nicht, weil ich schon relativ viel von der Welt gesehen habe. Aber es war interessant, die Bedeutung einer bestimmten Geste herauszufinden, die fast alle Inder anwenden. Wenn man ihnen eine konkrete Frage stellt, auf die eine unangenehme Antwort folgt, wackeln sie mit dem Kopf hin und her. Das kann bedeuten, sie antworten mit ja, meinen aber eigentlich nein. Oder sie wissen die Antwort nicht. Oder sie haben Hunger - ganz genau haben wir das noch nicht rausbekommen. Natürlich ist es auch krass zu sehen, wie z.B. Tierkadaver einfach auf riesige Müllhaufen am Straßenrand geworfen werden oder Kühe als heilige Tiere einen endlosen Stau verursachen, weil sie auf der Straße liegen und nicht verjagt werden dürfen.

 

UG: Yeah - Tierkadaver, das klingt aber schwer nach Death-Black-Grindcore. Na ich hoffe mal Björn hat die Viecher in Ruhe gelassen, so wie ich ihn kenn ist ihm nix heilig. Aber wann kann man denn dann mit der DVD rechnen oder was der Job des Filmteams?

Dany: Erstmal werden wir versuchen, einen coolen 45minütigen Roadmovie aus dem Material zu basteln. Premiere wird wie in unserem Ragnarock Imagefilm "A Metal Hamlet" wieder in einem eigens angemieteten Kino in Marburg sein, wo nur geladene Gäste anwesen sein werden. Angepeilt ist Februar/März 2016.

 

UG: Dann freue ich mich schonmal auf ne Einladung *lacht* - Aber apropos Ragnarock - Nicht nur dass ihr Kryptos wieder zurück eingeladen habt - Dieses Jahr spielt auch ein China-Import mit - Wollt ihr euch so die Connections in den asiatischen Raum sichern und irgendwann mal in Peking auftreten oder was hat es damit auf sich?

Dany: Das soll der nächste Schritt sein, ja. Wir haben in diesem Jahr den gemeinnützigen Verein "Bifroest Kulturförderung" gegründet, mit dem wir zur Zeit bei potentiellen Sponsoren Klinken putzen gehen. Dazu kommen zukünftige Einnahmen durch Mitgliedsbeiträge und private Spenden. Von diesem Geld wollen wir es lokalen Bands ermöglichen, Auftritte und Touren im Ausland zu finanzieren - aktuell sind natürlich Indien und China im Fokus, aber ich habe auch schon Kontakte nach z.B. Dubai, Ungarn, Polen, Tschechien, England, Frankreich und Kuba geknüpft. Mal sehen, wie der Verein angenommen wird und welche "unserer" Bands bereit ist, diese Idee zu unterstützen.

 

UG: Klingt auf jeden Fall wie ein ehrgeiziges Projekt und schwer untergründig - Wenn ihr Bands braucht die sowieso mal im Ausland spielen müssten, wisst ihr ja an wen ihr euch wenden könnt *lacht* Aber zuerst wird wohl das Ragnarock anstehen, wie zufrieden seid ihr bisher mit den Planungen und dem Zuspruch?

Dany: Nach 14 Jahren hat sich da natürlich eine gewisse Routine ergeben, aber auch hier halten unsere Exoten die Planung spannend; die chinesischen "Wacken Metal Battle" - Gewinner Dream Spirit schlagen mit einer ganzen Meute ihrer Landsleute schon am Donnerstag auf unserem Campinggelände auf. Sie suchen gezielt die Nähe zu den Besuchern und wollen mit ihnen zusammen campen. Damit da nichts schiefläuft, werden wir einen Teil des Campingplatzes für sie reservieren. Wäre ja schade, wenn sie nicht zusammen in einem Camp unterkommen könnten. Auch unser Headliner Samael reist schon am Freitag an, obwohl sie erst am Samstag spielen. Sie wollen sich gern das Festival und die Bands ansehen, was alles andere als selbstverständlich für eine Band dieser Größenordnung ist.

Aber auch hier zeigt sich einfach, dass mein Fokus beim buchen der Bands auf Sympathie beruht. Ich frage immer im Vorfeld bei anderen Veranstaltern, die schon mit den entsprechenden Bands gearbeitet haben, ob die Musiker umgänglich sind oder eher Schwierigkeiten machen. Ich habe absolut keinen Bock auf Starallüren und schlechte Stimmung Backstage, auch wenn ich diese Erfahrung natürlich schon machen musste. Was den Zuspruch angeht: Die VVK-Zahlen sind leicht gestiegen, aber grundsätzlich liegt unser Vorverkauf bei lediglich ca. 20% der Besucherzahl. Es bleibt also aus finanzieller Sicht immer spannend bis zum Schluß. Bisher haben wir ja immer draufgelegt, vielleicht klappt´s dieses Jahr. Das sage ich übrigens jedes Jahr.

 

UG: Aus meiner Sicht gewinnt das Billing eben schon aus den Gründen, dass fast nur Bands am Start sind, die besagte Starallüren nicht kennen und man bei euch auch mal einen mit den Musikern heben kann! In diesem Sinne Drück ich alle Daumen und freu mich auch schon auf ein großes Kühles bei euch!

 

Das Interview führten Grave und Dany Reinhard vom Ragnarock Festival

Weitere Informationen findet ihr unter:

Ragnarock Open Air

Gelesen 2142 mal Letzte Änderung am Dienstag, 07 Juli 2015 09:03

Medien

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