Dienstag, 21 Januar 2014 19:56

Vom Untergang der Jugendarbeit. Oder: Wie eine Stadt das Bandsterben fördert.

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Zu Beginn dieses Artikels einige Prämissen: Jugendarbeit ist wichtig. Jedoch fehlt an allen Ecken und Enden Geld, um diese adäquat durchzuführen. Projekte der Kommunen scheitern nicht selten an der Unterfinanzierung entsprechender Ressorts in der Haushaltsplanung.
Ferner: Gerade in Ballungsgebieten sind Proberäume Mangelware. Besonders solche, die nicht in verschimmelten Kellern liegen und noch dazu finanzierbar sind.

Nicht wenige Bands, insbesondere solche von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, scheitern schon in der Planungsphase, weil sich kein Domizil für das ungestörte musikalische Experimentieren findet. Was geschieht nun, wenn sich eine Gruppe junger Erwachsener auf den Hosenboden setzt und ohne Kosten für die entsprechende Kommune ein Projekt durchführen will, das genau diese Umstände bekämpfen möchte? Richtig: Es finden sich mehr Steine im Weg derer, als das gesamte Kopfsteinpflaster im Ruhrgebiet hergeben möchte.

 

Zur Geschichte: Seit Anfang 2011 steht in einer kleinen Stadt am Rande des Ruhrgebiets, genannt Waltrop, ein ausgedienter Bunker aus dem zweiten Weltkrieg leer. Zuvor stellte er die Räumlichkeiten für die Kleiderkammer der örtlichen Caritas, welche ihre soziale Tätigkeit jedoch mangels Nachfrage respektive bedingt durch ein Überangebot an Second Hand Geschäften aufgeben musste. Seitdem steht dieser Bunker leer. Nach fast drei Jahren Leerstand fasste eine Gruppe junger Erwachsener um den lokal bekannten Musiker und Veranstalter Jan Moerchen den Entschluss, diesen Bunker in Form eines gemeinnützigen Vereins in Räumlichkeiten umzugestalten, die Künstlern und anderen Gruppen als Refugium dienen können; Musikern, Malern, aber ggf. auch Sportgruppen und anderen Gruppen.

 

Der Besitzer des Bunkers – ein Bauunternehmer, der diesen mittlerweile von der Vermögensverwaltung der Bundesrepublik Deutschland erworben hatte – wurde kontaktiert und zeigte sich sofort begeistert von dieser Idee und sicherte Unterstützung bei diesem Vorhaben zu. Eine erschwingliche Pacht und allerlei logistische Unterstützung sollten die Folge sein. Es wurde, neben dem juristischen Wust einer Vereinsgründung, vermessen und geplant, gerechnet und diskutiert, um letztlich einen soliden Plan für zehn Räumlichkeiten aufzustellen. Die lokalen Bands dankten es mit regem Interesse. Das Jugendamt und das nahegelegene Jugendzentrum „Arche“ wurden kontaktiert – auch hier ein Sturm der Begeisterung. Selbst die Lokalpresse lies sich schnell von einer Sinnhaftigkeit dieses Unterfangens überzeugen.

 

Natürlich wurde auch der Stadtverwaltung dieses Projekt vorgetragen. Denn Ordnung muss sein und Genehmigungen müssen her – Deutschland, deine Bürokratie. An dieser Stelle gibt es nun aus Sicht besagter Verwaltung zwei Gedankengänge. Der erste, der logische lautet: „Es kostet uns nichts, es nützt der Jugendarbeit, es ist sinnvoll. Helfen wir, wo wir können.“ Doch logisches Denken ist ja, wie allgemein bekannt, weniger weit verbreitet, als man zunächst annehmen mag. Anstatt unterstützend tätig zu werden, beginnt nun ein wahrer Angriffskrieg deutscher Gründlichkeit. Darf ein soziales Projekt in Wohngebieten stattfinden? Stört man nicht die Anwohner? Und überhaupt: Macht das ganze nicht ein wenig zu viel Lärm? Zum ersten lässt sich glücklicherweise schnell sagen: Ja, man darf. Und das ist auch gut so. Zu den weiteren Punkten lassen sich an vorderster Front zahlreiche ähnliche Projekte in Wohngebieten anführen, die weder eine besondere Lärmemission erzeugen noch Anwohner stören. In einem Bunker in Essen existiert sogar eine Diskothek in einem Bunker – ebenfalls mitten in einem Wohngebiet.

 

Führen wir uns doch kurz die Eigenschaften eines Bunkers vor Augen. Die zentrale Eigenschaft ist seine Stabilität. Herbeigeführt u.a. durch dicke Wände. Sehr dicke Wände. 1,4 Meter dicke im konkreten Fall. Wer sich kurz die Schalldämmung durch eine durchschnittliche Wohnungswand von knapp über 20 Zentimetern (!) vor Augen führt, die ein normales Gespräch soweit dämmt, dass es quasi nicht mehr hörbar ist, kann sich ausrechnen, was 1,4 Meter dicke Wände mit entstehendem Schall anstellen. Die nächste Wohnbebauung ist gute 15 Meter von der Außenwand des Bunkers entfernt. Ohne jetzt zu sehr in die Theorie abgleiten zu wollen: Treten noch 60 dB aus der Bunkerwand aus, kommt in 15 Metern Entfernung gerade noch die Lautstärke eines sehr ruhigen Zimmers an. Ein sprechender Mensch ist lauter, geschweige denn vorbeifahrende Autos. Weiter ist ein Austritt von 60 dB schon fast als utopisch zu bezeichnen, dass würde eine mehr als gesundheitsgefährdende Lautstärke der Probe voraussetzen. Durch Begrenzungen der Nutzungszeiten auf maximal 22 Uhr und Probenbetrieb nur an Werktagen ließe sich eine Störung der Anwohner also nahezu ausschließen. So weit sollten die zuständigen Entscheider in ihrem Denken an und für sich selbst gekommen sein. Sind sie auch, da kann man sich sicher sein. Wo liegen also die eigentlichen Probleme?

 

Diese sind so einfach wie traurig: An und für sich sollte der Bunker weiterem Wohnraum weichen. Wohnraum in guter Lage, der sich teuer vermarkten lässt. Ein richtiges Prestigeprojekt. Wohnen, dass sich nicht jeder leisten kann, von dem die Allgemeinheit nicht profitiert. Gentrifizierung ahoi. Die Lösung kann so einfach sein. Das letzte Wort ist glücklicherweise noch nicht gesprochen, aber wo die Prioritäten der Stadt Waltrop liegen offenbart sich schon jetzt. Und so ist dies Teil eins der Geschichte, wie eine Stadt das Bandsterben fördert. Das Lied vom Ende der ehrenamtlichen Jugendarbeit.

 

Wir von UG bleiben weiterhin am Ball und werden dieses Projekt durch unsere Manpower unterstützen. Denn Underground fängt an der Basis an!

P.S.: Wer nun seine Meinungen zu diesem Komplex kundtun möchte, darf sich gerne an die Redaktion der Waltroper Zeitung wenden, zu kontaktieren unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Gelesen 3689 mal Letzte Änderung am Dienstag, 21 Januar 2014 20:44