Samstag, 27 Juli 2019 16:00

UNTER DEM RADAR - VIVUS HUMARE (BLACK METAL)

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Man muss schon sagen: Immer wieder gewinnt man den Eindruck, es manifestierten sich in keiner Metal-Sparte mehr neue Bands und Geheimtipps als im Black Metal-Genre. Nur manche davon treten in Existenz und hinterlassen dabei sichtbare Fußspuren und hörbare Echos, die es in sich haben. Die Thüringer Vivus Humare schaffen Musik, die in den Augen derer, die bereits mit den Anfängen des Schwarzmetalls aus Skandinavien nichts anfangen konnten, wohl eher keine großen Wellen schlagen und womöglich im Ufersand des Größeren und Bekannteren versickern wird. Wenn nun aber eine Band genau diesen alten Sound und seine Qualität erreicht, lässt diese die Herzen der Kenner und Liebhaber höher schlagen - nicht umsonst nennen die Gothaer, die wir diesmal bei "Unter dem Radar" in den Fokus nehmen wollen, ihren rohen, schnörkellosen Old-School-Stil auch „Archaic Black Metal“.

2007 hatte sich Vivus Humare um Fronter Mt. Beliar geformt und im darauf folgenden Jahr gab es auch mit "Prolog" direkt die erste Demo – danach war es stiller um die Combo, bis sich schließlich die Eisenwald Tonschmiede (u.A. Agalloch, Drudkh) der Jungs annahm. Session-Musiker Inkantator Koura, alias Martin Frankenstein, seines Zeichens Kopf von Mosaic, trat zum Projekt dazu und 2012 war die Band im Vorprogramm von Farsot zu sehen, womit sich die Vier schnell einen Namen im Underground machen konnten. 2015 präsentierten Vivus Humare ihre pompöse und gleichwohl gramvolle "Einkehr" mit gleichnamigem Erstling in die reiche, „blühende“, deutsche Black Metal-Szene. Aber bieten die vermeintlichen Neulinge hier auch Innovatives, oder ist das Album eher wie eine Hommage an alte Zeiten zu sehen? Überholt oder gar zerlumpt ist die Musik von Vivus Humare ganz und gar nicht – im Gegenteil: Das Debütalbum der Band atmet kalte Luft aus den skandinavischen 90ern und will trotzdem viel neuen Wind mit sich bringen. Im Anschluss an die erste Full-Length erschien noch eine hochinteressante Split-Veröffentlichung auf Tape mit Vertretern wie Mosaic, Grift und den bereits erwähnten Farsot namens "Samhain Celebration" bei Heimat Musik. Seit 2017, wo noch auf Social Media-Plattformen die Rede von einer neuen Platte war, ist es allerdings verdächtig ruhig um die Band geworden... Vielleicht wird bald das Schweigen gebrochen? 

 

Aktuelle Besetzung

Mt. Beliar - Vocals, Guitars

Leshiyas - Guitars

Skadilvari - Drums

Inkantator Koura - Bass, Additional Vocals

Diskographie

2008 - Prolog (Demo)

2015 - Einkehr (Album)

2016 - Samhain Celebration (Split-EP mit Mosaic, Farsot & Grift)

 

Review zu "Einkehr"

Ohne Umschweife startet die Platte unerbittlich und knappe neuneinhalb Minuten lang bricht gleich zu Anfang "Der Schmerz weckt" über den Hörer hinein – Anfang und Ende preschen aus den Lautsprechern, Blast-Beat-gespickt und kraftvoll. Auch wenn der Song allein betrachtet bereits epischen Charakter besitzt, läutet er bloß die "Einkehr" bedrückend und trübselig ein. Die lange und beinahe träge instrumentale Mittelsektion wird begleitet von gesprochener Stimme, welche wie aneinander schrappendes Metall bohrt, bevor das Schlagzeug wieder wie ein monotones und unentwegt prügelndes Metronom einsetzt. Eine fantastische Rahmenbildung für den Opener-Track. Die kreative Bandbreite reicht von melodiösen Parts bis hin zu wuchtigem Geknüppel und schier undurchdringlichen Gitarrenwällen, kräftigem Growling über Klargesang bis hin zu Chorpassagen. Im Prinzip nur aus drei gewaltigen und für sich genommen bereits hervorragend-intensiven Stücken bestehend, welche nur von den zwei akustischen Interludien "In Eos' Antlitz" (42 Sekunden) und "Abstieg in die Tiefe" (knappe vier Minuten) getrennt werden. Der folgende Goliath-Song "Auf morgendlichen Pfaden" richtet sich auch progressiv zu voller Größe auf, büßt dabei nirgends an Rasanz und Impulsivität ein und schenkt der Platte einen gebührend-klassischen Mittelteil, welcher an einen akustischen Bastard aus den bayrischen Lunar Aurora, frühen Wolves In The Throne Room-Alben und stellenweise den nihilistischen Erstlingswerk-Goldkindern von Darkthrone darstellt und oder sogar an "Vittra" von Naglfar erinnert. Wem das zu unglaublich klingt, der soll sich nur selbst ein Bild vom diesem Wahnsinnssong machen, der von vielen Tempowechseln und einem wahren Sturm aus Instrumenten lebt, als hätten die vier Musiker hinter Vivus Humare ihr Leben lang nichts Anderes getan.

Da das Beste allerdings sprichtwörtlich immer zum Schluss kommt, spart die Band sich mit "Traum" die endgültige akustische Exekution des Hörers für das Ende auf: Zehn Minuten lang Höchstgeschwindigkeit, ein Schnitt durch die Seele - und auch wenn man für gewöhnlich auf Wortwiederholungen achten sollte: Dieser druckvolle, extrem schwermütige Monotoniewahnsinn in seiner wahrlich wie eine Riesenwelle einbrechender Heftigkeit… da fehlen weitere Worte der Beschreibung. Dann endet die "Einkehr" abrupt – hinterlässt aber deutliche Kerben und eine Schneise der Verwüstung.

Das Debüt ist ein handwerklicher Hochkaräter. Diese Scheibe hört man am besten als eine durchgängige Klangerfahrung, von Anfang bis Ende. Die Länge von 36 Minuten begünstigt das in unserer schnelllebigen Zeit, da Musik seltener wirklich konsumiert und in all seinem Facettenreichtum begutachtet wird, sondern eher als platte Hintergrunduntermalung ohne jeglichen Tiefgang erachtet wird. Hier darf sich der Leser getrost einen ermüdeten Blick in Richtung der deutschen Mainstream-Musik gönnen. Das Ganze ist, wie so oft, mal wieder noch weitaus mehr als die bloße Summe seiner Teile. Zunächst war das Release von "Einkehr" bereits für Mitte 2014 angepeilt worden, wurde dann allerdings aufgrund diverser, unvorhersehbarer Unannehmlichkeiten auf den Januar des Jahres 2015 verschoben. Was hier geboten wird, ist blanker Schwarzmetall, trist und kühl, der den Größen des Genres in Nichts nachsteht. Ein schattenverhangener Mysterien-Trip, der es trotz seiner Kürze in sich hat. Solche Aufnahmen, wie Vivus Humare sie geschaffen haben, wünscht man sich als Szenegänger liebend gern weitaus öfter, gibt es ja nun mal im eng verwurzelten Unterholz der extremen Musikrichtung nicht nur Hochwertiges zu finden. Demnach: Chapeau. Jeder Black Metal-Enthusiast darf und sollte bedenkenlos reinhören.

Tracklist:

01. Der Schmerz weckt

02. In Eos' Antlitz

03. Auf morgendlichen Pfaden

04. Abstieg in die Tiefe

05. Traum

Weitere Informationen

Gelesen 748 mal Letzte Änderung am Montag, 29 Juli 2019 17:07
Haimaxia

Impavidi progrediamur - sic itur ad astra.

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