Samstag, 09 Januar 2021 15:00

Unter dem Radar - Schönesende (Black Metal/Sludge Metal)

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Unter der Schirmherrschaft vom Londoner Matthew Bunkell (u.a. auch tätig bei Black Mass, Light Bearer & Momentum) gibt es das Projekt Schönesende seit 2012, steckte aber mehr oder weniger lange in den Blaupausen und am Reißbrett fest. Erst im Sommer 2015 erschien die selbstbetitelte Debüt-Scheibe und das zunächst digital, bis es Ende des Jahres auch physisch zu erwerben sein sollte, und da erregte es ein wenig mehr die Aufmerksamkeit der Anhänger des Black Metal-Unterholzes – als Co-Release zwischen den zwei Independent-Labels Narshardaa (u.a. Arktika, Thurm) und Moment of Collapse Records (u.a. Außerwelt, Cranial, Red Apollo) in wunderschön gestalteter, exklusiver Doppel-LP. Wir haben uns das Ding mal näher angesehen, welches in alleiniger Eigenregie von nur einem unermüdlichen Kreativkopf zusammengebastelt wurde, und beim nochmaligen Ausbuddeln aus dem Plattenschrank war Schönesende wie geschaffen für einen Artikel in unserer Rubrik Unter dem Radar.

Zugegeben: Als englisches Bandprojekt den Titel "Schönesende" zu wählen, hat bei der Weltuntergangsstimmung in der energisch-brutalen und ausufernden Musik, die hier geschmiedet wird, schon fast wieder etwas Komisches und Neckisches an sich. Fast schon sarkastisch, wenn man bedenkt, wie hoffnungsbefreit und düster es bei dem Black Metal/Sludge Metal-Projekt aus Großbritannien zugeht. Als der Londoner Musiker sich Anno 2012 mehr mit Philosophie und Psychologie auseinandersetzte, war die Idee geboren, das Projekt ins Leben zu rufen. Er zitiert in seinen Songs gerne Persönlichkeiten wie den evangelikalen Christen James Dobson, der sich kritisch zum materiellen Weltbild äußert, oder spielt auf Fritz Langs Filmklassiker "Metropolis" und Allen Ginsbergs Lyrik an - und da sieht man schon, dass ein intrinsischer Faktor von Schönesende war, anspruchsvolle, fachliche Themen mit brachialer Musik zu verknüpfen. 

Aktuelle Besetzung

Matthew Bunkell – Everything

Diskographie

2015 - Schönesende (Album)

Review zu "Schönesende"

Wir setzen die Nadel auf: Nach dem Kurz-Intro "The Condition" brettert direkt "Escape From Evil" los. Und auch wenn die vordergründigen Stilistika des schwarzen Metalls überall unter der Haut des Projekts stecken, wird zügig deutlich, dass Bunkell hier einen freigeistigeren, frischeren und vor allem “postigeren” Anlauf auf die extreme Musiksparte angeht. Klar ist die „evilness“, die typisch BM ist, auch nicht heruntergedreht – vielmehr ist es die Monotonie, die ähnlich zu Acts wie die deutschen Der Weg Einer Freiheit, die alten Lantlôs oder wie der Blackgaze mit Combos wie Deafheaven ihre Melodie in den dichten Soundwänden versteckt hält. Zunächst und auf den ersten Blick sind diese Klangstürme unbändig, verroht und unfassbar. Die ellenlangen Stücke werden nach druckvollen Odysseen ohne Atempause immer mal wieder unterbrochen – sei es nun mit bohrenden Piano-Sounds, Ambient-Einlagen oder fast schon gespenstischer Stille. Das funktioniert ungemein gut und zieht mit, so epochal klingt das Projekt.

Das geistige Herzstück und den gleichzeitig größten Song-Titan bildet an der Trackstelle #3 "Rise, Moloch" mit seinen über 22 Minuten Länge. Stimmig und ruhig beginnt man hier fast zynisch mit einem Akustik-Gitarren-Intro in Lagerfeuer-Ambiente, bevor die ersten typischen Brecher-Passagen einsetzen. Mit dem Text liefert Bunkell auch gleich eine Deutung dessen: Es geht um den Moloch, das Alles konsumierende Biest, dem wir uns mit verbundenen Augen opfern – Kapitalismus-Kritik par excellence. Bei der Metaphorik des Stücks liefert der Musiker auch zahlreiche Inspirationen, von Philosophen wie Karl Marx und Thoodor Adorno über Autoren wie Allen Ginsberg zu bedeutenden Filmemachern. Dazu treten auch einerseits der Gastgesang von Black Mass-Fronter Jack Riddleston und andererseits gesprochene Passagen, hier aus einer Rede von James Dobson, der den Materialismus anprangert, seinerseits aus theologischer Perspektive. Insgesamt benennt das Label die Thematik, mit der sich Schönesende auseinandersetzt, mit „human condition“ – menschliches Befinden, vielleicht besser noch „menschliche Lage“ im Sinne von „Status quo“. Wo sind wir, wo gehen wir hin, wie verhalten wir uns, was steckt in uns? Alles Dinge, denen hier nachgegangen wird. Fragen, die einer Klärung bedürfen, ehe wir ein wortwörtliches „Schönes Ende“ finden können.

In "Of Flesh And Stone" wird der Mensch in den Kontext seiner Historie gestellt: vom kleinsten Holzkeil bis zum größten Weltwunder-Bauwerk versuchen wir stets, etwas von Dauer zu schaffen, damit man sich an uns erinnert. „We were here“, keift Bunkell unentwegt – zwischenzeitig lässt der Song sogar ein wenig Klargesang durchschimmern (zumindest bei der antwortenden Passage „And watched it all fade away“), was fast schon abstoßend deplatziert wirken mag, weil alles bisher so einheitlich düster war. Nach dem Instrumental "The Worm At The Core" geht es mit "Exit Smiling" zum 17-minütigen End-Koloss über und wir beenden die fast 70-Minuten-Reise mit einem simplen Fade Out.

Fazit: Weitläufige Einöden von Instrumentalpassagen, die wie schleifende Stürme alles niederreißen, und eine inhärente Kühle zeichnen das Projekt Schönesende aus. Besonders genießbar wird die Platte mit dem Blick auf die außerordentlichen Lyrics, die die Begeisterung für Philosophie und Psychologie seitens des Masterminds hinter der Musik fett unterstreichen. Da wird die Tatsache gleich noch süßer im Abgang, dass Bunkell in nicht allzu ferner Zukunft die VÖs einer Sammlung von Kurzgeschichten und einer Novelle angekündigt hat, die inhaltlich stark mit dem Wirken von Schönesende verwoben sein sollen. Sechs Songs gibt es – „nur“ wäre angesichts der Tracklängen wohl blauäugig. Aber jede einzelne Minute wirkt durchdacht und wohlplatziert. Konzeptionell wie von der Produktion her ein echtes Fest. Geheimtipp!

„For I am the sum of everything I own.“

Die Einnahmen der Downloads spendet Bunkell eigenen Angaben nach im Übrigen an den Kaleidoscope Trust http://kaleidoscopetrust.com/, eine Organisation, die sich für Gleichberechtigung von u.a. Homosexuellen einsetzt.

Tracklist:

01. The Condition

02. Escape From Evil

03. Rise, Moloch

04. Of Flesh And Stone

05. The Worm at the Core

06. Exit Smiling

Weitere Informationen

Gelesen 722 mal Letzte Änderung am Samstag, 23 Januar 2021 18:24
Haimaxia

Impavidi progrediamur - sic itur ad astra.

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Schönesende Schönesende / Independent