Mittwoch, 05 August 2015 19:59

Matthäus und Metal

geschrieben von Oliver Glaser
Matthäus und Metal Schriftstudium dringend erbeten!

Quizfrage: Was haben die Bibel und Metal gemeinsam? „Nichts“? - Naja, mal sehen.

Einige Gemeinsamkeiten lassen sich nach kurzem Nachdenken dann doch ziemlich schnell ausmachen, denn

gleichwohl sich die Evangelien nicht gänzlich den Gestaltungsprinzipien des aristotelischen Dreiecks fügen, so ist der anerkannte Höhepunkt all dieser Schriften der Tod eines jüdischen Sektierers mit dem Namen Jesus von Nazareth, genannt Christus. Der zentrale Gegenstand, auch das dürfte Konsens sein, dieses Dramas ist das Kreuz. Die (Achtung Wortwitz) einschlägige Verbindung aus Kreuz und Christus (crucifixus) wurde im Abendland zum signum, oder wie man heute sagen würde zum meme, für den Kreuzestod des vermeintlichen Messias und zum Symbol unseres Sündenerlasses - ja sogar zum sichtbaren Bekenntnis der christlichen Religion selbst.


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Der Metal-Fan, bekanntermaßen ein Zyniker mit Hang zur Perversion, erfreut sich dieses Symbols vor allem in dessen pervertierter, sprich um 180 Grad gedrehter Version, und das, ohne dabei an Petrus zu denken. Schluss mit der Exkursion: Das Kreuz, biblische Figuren wie Judas und Lucifer, pseudo-biblische Feminismus-Dämonen wie Lilith zeigen, wie beliebt der All-Time-Bestseller "Bibel" auch bei Liebhabern metallischer Klänge ist.

 

Was hat das Ganze nun mit dem Evangelisten Matthäus zu tun? Zur Einführung - ich verspreche, es bleibt das Einzige - ein Bibelzitat aus dem Evangelium nach Matze - äh, Matthäus: „Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat.“ (Mt 25,29). Oder weniger elegant, dafür lustiger: „Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen.“

 

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Nach dem im Matthäusevangelium überlieferten Ausspruch (der Spruch mit dem Teufel und dem Scheißhaufen findet sich komischerweise in keinem Evangelium) ist ein soziales Phänomen benannt worden - der Matthäus-Effekt. Der Matthäus-Effekt beschreibt das Phänomen, dass Personen oder Gruppen alleine dadurch immer erfolgreicher werden, weil sie bereits einmal Erfolg hatten, wohingegen Personen oder Gruppen ohne Erfolg kaum Aussichten auf Erfolg haben. Das heißt, dass Erfolg auch ohne steigende oder zumindest gleichbleibende Qualität zunehmen kann und sich stattdessen als quasi perpetuo mobile selbst potenziert. Beobachtbar ist dieses Phänomen an der Zitierhäufigkeit innerhalb wissenschaftlicher Arbeiten. Einmal erfolgreiche Wissenschaftler werden demnach aufgrund ihres Erfolges immer häufiger zitiert und deshalb immer erfolgreicher. Dadurch kann es sogar passieren, dass eine subjektiv richtige Forschungsmeinung stets mit dem Namen desjenigen Wissenschaftlers in Verbindung gebracht wird, der diese am erfolgreichsten aber nicht unbedingt als Einziger äußerte. Dies hat dann einen noch verstärkten Matthäus-Effekt zur Folge.


Da der Matthäus-Effekt ein soziales Phänomen ist und somit in verschiedensten sozialen Gruppen beobachtet werden kann, lässt er sich problemlos von der Wissenschaft auf die Gruppe der Subkultur „Metal“ übertragen. Innerhalb dieser Gruppe hätten dann Bands, die bereits erfolgreich sind, immer mehr Erfolg und zwar unter anderem deshalb, weil sie bereits Erfolg hatten. Was sich in der Wissenschaft in der Zitierhäufigkeit äußert, entspricht bei Metalbands der Auftrittshäufigkeit, der medialen Präsenz und schlussendlich den Verkaufszahlen von Tonträgern oder Merchandise. Einerseits sind diese Faktoren Produkte des Erfolgs einer Band, andererseits vergrößern sie den Erfolg einer bereits erfolgreichen Band um ein Vielfaches. Auch die Verbindung eines Subgenres mit dem Namen einer oder einiger weniger Bands lässt sich beobachten. Der stetige Erfolg von Bands wie Burzum, Mayhem oder auch Metallica ist sicherlich auch mit der engen Bindung des entsprechenden Subgenres an den Namen dieser Bands zu erklären. Der Erfolg solcher Bands und deren enge Bindung an die mit dem Subgenre einhergehenden Vorstellungen machen Bands wie Burzum oder auch Cannibal Corpse zu Orientierungspunkten anderer Bands dieser Kategorie - sprich sie werden zitiert. Bands, die bei den heutigen technischen Möglichkeiten klingen, als seien sie in Omas Keller produziert, zitieren die eng mit dem Subgenre Black Metal verbundenen Bands wie Burzum. Durch das Zitieren versuchen neue Bands, an dem Erfolg der etablierten Bands zu partizipieren, verstärken damit den genannten Bindungseffekt und schließlich deren Erfolg.

 

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Die Auswirkungen des hier beschriebenen Matthäus-Effekts liegen auf der Hand. Es gibt in jedem Subgenre eine relativ überschaubare Menge kommerziell erfolgreicher Bands, deren Erfolg immer größer wird oder nur sehr langsam versiegt. Einer größeren Zahl an Bands gelingt es, häufig durch gelungenes Zitieren, immerhin mäßig erfolgreich zu sein. Die große Masse der Bands hat aber überhaupt keinen oder nur sehr geringen Erfolg und es gestaltet sich als überaus mühselig, sich aus dieser Masse abzusetzen, ohne dabei eine gehörige Portion Glück zu haben.

 

Natürlich muss gerade hier auf eine Besonderheit hingewiesen werden: So hat sich innerhalb der Subkultur „Metal“ und dort vor allem innerhalb der Subgenre der härteren Gangart ein Denkkonzept den Weg gebahnt, das dem Matthäus-Effekt intuitiv entgegenzuwirken scheint. Dieses Konzept definiert eine weitere Kategorie, innerhalb derer man versucht, abseits von Produktionsaufwand und medialer Präsenz Musik nach rein qualitativen Maßstäben zu beurteilen, wobei die subjektiv wahrgenommene "Qualität" eng an Authentizität geknüpft ist. Der „underground“ lenkt so die Aufmerksamkeit von den kategorisch ausgeschlossenen - weil kommerziell erfolgreichen - Bands auf diejenigen Musiker, die, häufig ohne Label, innerhalb der Masse unbekannter Bands ohne ausreichend Vitamin-B untergehen würden, obwohl sie qualitativ gute Musik im Sinne des Genres machen. Hierdurch werden bisweilen auch Bands belohnt und zum Weitermachen motiviert, die sich den immer gleichen Zitaten verweigern oder mit diesen kreativ umzugehen gedenken. Hierin liegt die im „underground“ vorhandene große Vielfalt im Vergleich zu den „erfolgreichen“ Bands innerhalb des Subgenres begründet. Steigen nun aus dieser Vielfalt stammende Bands in die Riege der Erfolgreichen auf, so mischen sie diesem als „Mainstream“ wahrgenommenen größten aber eintönigen (Scheiß-)Haufen einen guten Anteil ihrer eigenen Vielfalt unter. Subgenres werden dadurch vielfältiger, können sich fortentwickeln, sich neu erfinden oder sogar komplett neue Subgenre hervorbringen. Es ist bestimmt kein Zufall, dass ausgerechnet im Metal eine so große Vielfalt an Subgenres ausgebildet worden ist.


Was bleibt? 1. Als soziales Phänomen kann der Matthäus-Effekt nicht verhindert werden. Ihm kann jedoch entgegengewirkt werden, indem man über den Tellerrand des kommerziellen Erfolges blickt, kleine Konzerte und Festivals ohne riesige Headliner besucht, CDs und Merchandise kleinerer aber guter Bands kauft und sich immer wieder vor Augen führt, dass auch Erfolg ein soziales Konstrukt ist, das letztlich durch das Herdenverhalten des sozialen Wesens Mensch determiniert ist. 2. Qualität und Erfolg gehen nicht zwangsläufig miteinander einher. 3. Die durch das Entgegenwirken erreichte Vielfalt ist maßgeblich für das Fortbestehen und die Entwicklung geliebter Subgenre und notwendig für die Lebendigkeit unserer geliebten Subkultur.

 

Hiermit soll im Übrigen nicht gesagt sein, dass es keinen guten und erfolgreichen Metal geben kann und dass sich diese beiden Adjektive gegenseitig ausschließen. Vielmehr geht es darum, „underground“ aus seinem viel zu häufig antagonistischen Kontext zu lösen und das konstruktive Konzept, das hinter diesem Wort liegen kann, offenzulegen. Wer nämlich „underground“ nur dazu verwendet, sich vom sogenannten „Mainstream“-Hörer abzugrenzen, um sich dabei selbst besonders geil zu fühlen, der nutzt eine hohle Phrase, einen leeren Signifikant, hinter dem sich nichts als Narzissmus verbirgt.

In diesem Sinne, support your local underground!


Diese Gedanken teilte Gastredakteur Oliver Glaser - Sänger der Undergrounded Band Angur


Gelesen 2382 mal Letzte Änderung am Donnerstag, 18 August 2016 21:53