Samstag, 30 Mai 2015 19:35

Naiv und Spaß dabei!

geschrieben von Ghostwriter

„Das ist echt dumm – So naiv kann doch keiner sein.“

Wie oft ich das hören musste wenn ich jemand Undergrounded erklärt habe, kann ich inzwischen kaum mehr zählen – Aber die normale Reaktion ist im besten Fall Kopfschütteln.

Wenn man dann noch erwähnt, was tatsächlich an Geld reinfließt, was es an Zeit frisst und wieviel Undank oft damit verbunden ist und dass es mit dem Non-Profit ernst gemeint ist, kommt zum Kopfschütteln oft noch Mitleid und dieses, sehr vertraute, traurige Belächeln hinzu. Das Unverständnis ist vorprogrammiert - Man investiert heutzutage offenbar keine Zeit und vor allem kein Geld mehr in bestimmte Dinge, wenn nicht zumindest die Chance besteht damit berühmt, reich oder mindestens, auf einer regelmäßigen Basis, von Supermodels gepimpert zu werden.


Ich weiß tatsächlich nicht ob es am Thema „Musik“ liegt, dass diese Reaktionen überwiegen. Aber wo genau ist der Unterschied zum Pflanzenzüchter, zum Whiskeyverkoster oder zum Modell-Heli Flieger? Offenbar scheinen viele (vor allem die, die nicht in der Materie stecken) zu glauben, dass sobald man etwas mit Musik tut, automatisch eine Menge Geld fließen !muss!. Materiell wird das Thema gesehen, man sieht die großen Stars vor Millionen spielen und die Labelbosse bei 200 liter Champagner junge Dinger beschlafen, man sieht Musik als Ware, als Handelsgut das es zu finanzieren, zu bezahlen und auszuschütten gilt.


An diesen, ja kapitalistisch zu nennenden Grundfesten rüttelt man zwangsläufig, wenn man sich hinstellt und sagt „Ich will das Non-Profit haben, denn sobald du Geld hineinsteckst veränderst du die Seele der Sache und bekommst genau das, was es nicht sein sollte – Ein steriles, totes und abgepacktes Produkt statt einem atmenden Ding mit Ecken, Kanten, Fehlern und jeder Menge Herz und Hirn“. Dass das Underground Business schon seit Jahren genau das ist, verstehen meistens nur die, die selbst involviert sind. Der alte Witz mit der Definition von Musikern (Jemand der 5000 Euro Equipment in ein 500 Euro Auto für einen 50 Euro Gig steckt) ist für uns bittere Wahrheit und dennoch tun wir genau das. Dennoch versuchen wir aus den 50 Euro noch mehr zu machen, versuchen ein Essen draufzupacken, Sprit oben drauf zu legen, ein Catering und einen Schlafplatz zu bieten und noch mit einem Semi-professionellen Video zu locken. Und dennoch tun wir es für halb leere Locations, für einen schlecht gelaufenen Abend, für ein leeres Konto und für eines der unbeschreiblichsten Gefühle überhaupt.



Mit ein paar Wenigen oder manchmal auch ein paar Mehr in einem kleinen Laden vor einer Band zu stehen, die das gleiche Schicksal teilt, die gleiche Luft atmet, die vor den Augen und Ohren etwas lebendiges, oft kantiges und gerade deswegen perfektes erschafft – Das ist es für das man diese Strapazen auf sich nimmt. Zu Wissen dass man die Möglichkeit bekommen hat, das was man selbst liebt auch anderen zu zeigen, zu fühlen und zu hören zu geben, dieses Gefühl ist mit Geld nicht zu bezahlen und auch gar nicht zu messen. Dass es da draußen Bands mit Träumen und Wünschen gibt, mit hochtrabenden Plänen und Strategien es nach ganz oben zu schaffen, ist gut und unterstützenswert, denn der Weg ist härter und die Konkurrenz riesig. Aber immer auf diesem Level bleiben zu wollen, passt irgendwie selten in das Konzept. Bands die sich 20 oder mehr Jahre im Underground bewegen, ihrem eigenen Stil treu bleiben, sich nicht verkaufen oder verdrehen sind Versager, unfähig oder im besten Fall einfach nur ähnlich naiv. Für mich sind es aber genau diese Bands, die ich hören will, die ich auf ein Podest hebe und denen ich höchsten Respekt zolle. Eine derartige, zugegeben vielleicht romantische und schwer nachvollziehbare Ideologie, kostet Geld - Aber Geld, das man direkt umgewandelt in so viel mehr als in bedrucktem Papier zurück bekommt.


Das Wissen, nicht alleine mit diesem Wahnsinn zu sein, nicht nur Bands zu unterstützen, die mit Ihren Träumen vielleicht ähnlich verrückt sind, sondern auch so viele Charaktere zu kennen die auf dem gleichen Posten, der gleichen Front und mit ähnlichen Zielen kämpfen, beruhigt und spornt gleichermaßen an. All die kleinen unterbezahlten Bands, die Redakteure, die Moderatoren, die Portalbetreuer, die Admins, die Geldgeber, die Veranstalter, die Hörer, die unbezahlten Helfer und Zugpferde dieser Szene - Das Team ist klein (und oft komplett wahnsinnig), der Markt (zu) groß und Träume wollen gelebt und nicht verkauft werden – Dafür allein lohnt es sich dieses mitleidige Lächeln zu ertragen und sich selbst trotzdem treu zu bleiben!


Danke für dieses Gefühl - Rock ON!


Gelesen 2176 mal Letzte Änderung am Montag, 01 Juni 2015 11:56