Samstag, 25 Januar 2020 15:00

Unter dem Radar - Botanist (Green Metal)

geschrieben von
Artikel bewerten
(1 Stimme)

Es gibt ziemlich verrückte Ecken des Metal-Untergrunds. Eine dieser skurrilen Nischen wird vom US-amerikanischen Projekt Botanist um den Multi-Instrumentalisten Otrebor besetzt. Der irre Botaniker mit seiner Eigeninterpretation des Black Metal- und Shoegaze-Blends, die er liebevoll "Green Metal" nennt, geistert schon länger durchs Internet und verzückt und verstört zugleich. Botanists Sound wird vor allem für eines immer wieder angepriesen oder eher kontrovers diskutiert: Dem Fehlen einer Gitarre, die stattdessen durch den Sound eines arabischen Hackbretts (auch: Kastenzither) ersetzt wird. Daraus entsteht ein musikalischer Brocken, den Puristen nur schwer hinunterschlucken können, der aber wie geschaffen für einen Artikel bei "Unter dem Radar" scheint.

Gegründet 2009 umgab sich das Projekt von Anfang an in einen Schleier der Anonymität und des Mysteriösen. Die Rede war von der Entität "The Botanist", der sich zurückgezogen von der Menschheit und der Zivilisation in der tiefen Wildnis seiner Musik widmet. Eigenen Angaben zufolge ergreift diese die Kontrolle über den Musiker Otrebor und kanalisiert seine Musik durch ihn. Ob hier nun bloß ein Fantasy-Image aufgebaut werden soll oder die Musik tatsächlich in Sphären der Esoterik abdriftet, sei an dieser Stelle dahingestellt. Die Klangwelten, die im nicht ganz so schwarzen Black Metal-Auswuchs von Botanists Sound aufgebaut werden, handeln jedenfalls von einer Postapokalypse, in der die Natur sich den Planeten Erde wieder zurückholt, nachdem die Menschen ausgestorben sind oder zumindest den Erdball nicht mehr bewohnen.

Zuerst trat das Projekt 2011 mit den beiden Debüt-Alben "I: The Suicide Tree" und "II: A Rose From The Dead" in Erscheinung, damals noch mit nahezu keiner Hintergrundinformation. Worin sich aber damals schon die Kritiker einig waren, war die Tatsache, dass wir es hier erstens nicht mit echtem Metal zu tun haben, da eine E-Gitarre nicht vorhanden ist, und zweitens, dass der hypnotische, ästhetische, luftige Klang von Botanist zwar vom Black Metal inspiriert ist, aber eben in krassem Gegensatz zu richtigem Black Metal steht, der häufig düstere Themen behandelt, depressive und hoffnungsbefreite Töne anschlägt, Hass und Misanthropie schürt und sich generell vom Pessimismus beherrscht zeigt. Otrebors grüne Metal-Vision trägt hingegen eine Vision der Hoffnung, auch wenn man das Prädikat "Grün" hier wohl weniger politisch, sondern wirklich wörtlich im Sinne der Naturverbundenheit verstehen sollte.

Es folgten diverse weitere Releases, von denen vor allem die Split-EPs mit A Palace of Worms und Oskoreien hervorzuheben sind. Zuletzt diskutierte das Internet über das 2019er Werk "Ecosystem", für manche eine Offenbarung, für manche ein eher belangloses Machwerk, für das kaum Verständnis aufgebracht wurde. Seit einigen Jahren hat Otrebor sein Projekt auch auf die Live-Bühnen gebracht und sich Support an den Instrumenten dazugeholt. 

Was das Projekt aber -gleich, ob man den gewöhnungsbedürftigen Sound nun gut findet, oder nicht- besonders interessant macht, das ist die große "Lore", die um die Alben aufgebaut wurde. So finden sich auf der Homepage von Botanist zahlreiche Worterklärungen und Erläuterungen, von welchen Pflanzenreichen, welchen Energien und Fabelwesen nun die Rede ist - dazu die Tatsache, dass viele Songtitel lateinische Namen von diversen Bereichen der Flora darstellen, was die Biologen da draußen freuen dürfte. In wie weit Otrebor nun selbst wirklich im Bereich der Botanik und Biodiversität bewandert ist, bleibt von Fachleuten zu beurteilen. 

Aktuelle Besetzung

Otrebor - Everything

Live- & Recording-Ensemble (changed over time)

D. Neal - Hammered Dulcimer (Kastenzither)

A. Lindo - Vocals, Harmonium

R. Chiang - Hammered Dulcimer (Kastenzither)

Davide Tiso - Bass

Daturus - Drums (current)

Tony Thomas - Bass (current)

Diskographie

2011 - I: The Suicide Tree (Album)

2011 - II: A Rose From The Dead (Album)

2012 - III: Doom in Bloom (Album)

2013 - IV: Mandragora (Album)

2013 - EP1: The Hanging Gardens of Hell (Split EP /w A Palace Of Worms)

2014 - Rehearsal 2014 (Demo)

2014 - VI: Flora (Album)

2015 - EP2: Hammer of Botany (EP)

2016 - EP3: Green Metal / Deterministic Chaos (Split EP /w Oskoreien)

2017 - Collective: The Shape Of He To Come (Album)

2019 - Ecosystem (Album)

Review zu „EP3: Green Metal / Deterministic Chaos“

Der Musiker Otrebor aus San Francisco hat sich für seine 2016er EP in seiner Heimat umgeschaut und diese als Split mit dem damals ebenfalls als Ein-Mann-Projekt fungierenden Oskoreien veröffentlicht. Jay Valena, der Kopf hinter diesem Namen, hatte 2011 sein selbstbetiteltes Debüt „Oskoreien“ herausgebracht, während Botanist zuletzt davor 2014 mit einer Full-Length-Platte namens „IV: Flora“ aufwartete und seitdem nur noch die Tour-EP „Hammer of Botany“ im Gepäck hatte. Beide Bands sind für eher verrückten, experimentellen Musikstil bekannt - ein Aufeinanderprallen mit Valenas typischem Folk-Doom-Black ergibt hierbei einen verheißungsvoll-interessanten Cocktail. 

Warum das die Neugierde in jedem Underground-Anhänger wecken sollte: Zunächst einmal kann man sich sicher sein, dass eine Split mit Botanist im Boot nicht einfach nur zwei Band-Stilistika mischt, sondern auch wirklich ganz andere Luftdruckzonen aufeinander treffen lässt, gerade weil Otrebors „Green Metal“ eine gänzlich andere Herangehensweise an die Metal-Musik hergibt. Nicht umsonst verschmäht u.a. die Encyclopaedia Metallum das Projekt als „Un-Metal“ durch das eingangs erwähnte Fehlen des eigentlich essentiellen Instruments, der Gitarre. Der träumerische Neo-Sound, der durch den Einsatz des wie ein Derwisch gespielten Orient-Brettchens den herkömmlichen Drum-Sound und die Growls untermalt, ist aber auch hier wieder einzigartig: „Amorphophallus Titanum“ als Opener beginnt mit ebenso trostloser Stimmung wie jede VÖ der norwegischen Abgötter Immortal – und bevor man für diesen Vergleich ans Kreuz genagelt wird, sollte man sich noch das reißerische „Clathrus Columnatus“ geben. Unverwechselbarer Klang, erhebend, ohne den Impuls zu verlieren. Die fünf Kurz-Stücke vergehen jeder in seiner eigenen Art kurzweilig und sind vor dem Hintergrund des Botanist-Konzepts ein wahrer Ohrenschmaus: Frustration über den Umgang von Krankheit Mensch mit der Natur. Im Herzen ein echter Aktivist prangte auf früheren Botanist-VÖs auch gerne mal das Prädikat: „Eco-Terrorist Metal“. Der irre Botaniker-Misanthrop rüttelt definitiv auf, auch wenn manchmal die Songs gar positive Alcest-Feelings aufkeimen lassen – nur um sie im nächsten Moment wieder im Keim zu ersticken.

Der Oskoreien-Part der Split beginnt zunächst dissonant und wirkt wie die Ankunft der bitteren Zivilisation in der Natur-Zuflucht, die vorher erschaffen wurde: Typische Doom-Downpour-Musikwände fluten den Hörer und unterdrücken alles Hoffnungsfrohe, das vorher in Blüte stand. Vor allem das gemache Tempo und die schleifenden Gitarren lassen den Titeltrack „Deterministic Chaos“ erstrahlen, der sich auch mal ganze 13 Minuten hinzieht. Gitarren sind das doch, oder? Das möchte man als Hörer jedenfalls meinen - doch laut Angaben der Schaffenden sind für die Oskoreien-Stücke lediglich Keyboards verwandt worden. Wie das so täuschend gut gemacht wurde, darf man sich durchaus fragen. Vor dem beständigen Beben, welches von dem Drone-Klang ausgelöst wird, stehen getragene Lead-Gitarren-Melodien, lamentierende Growls und es verbreitet sich schnell ein Gefühl von Unbehagen. Und wer das schafft, kann sich auf die Schultern klopfen. Das schließende, wesentlich kürzere „Without You, I'm Nothing“ reiht sich hier ein und geht symptomatisch mit dem deterministischen Chaos von zuvor einher. Kaskadischer Donner, stark gedrosselt in seiner Geschwindigkeit – aber ebenso zielführend wie die ganze EP. Mission accomplished.

Mit dem Clash von Botanist und Oskoreien hat man erneut ein perfektes Beispiel dafür, welch „weirde“ Facetten Black Metal annehmen kann – somit sind die dargebotenen Songs schonmal nichts für diejenigen Puristen, die ihren Black Metal traditionell konsumieren und von persischem Instrumentarium, politischer Botschaft und zu viel Doom-Chaos nichts wissen wollen. Doch die vorliegende Split macht vor allem wegen ihres überaus interessanten und der un-fucking-fassbaren Empirie beim musikalischen Schaffen richtig Bock. Dazu tritt die niederdrückende, beklemmende Stimmung, die Auseinandersetzung mit Themen der Biologie bei Botanist und die dröhnende Niederwalzung mit Oskoreien. Stark! Nihilismus par excellence.

Trackliste:

01. Amorphophallus Titanum / Botanist

02. Clathrus Columnatus / Botanist

03. Varkoor / Botanist

04. Saprophyte / Botanist

05. Dracula Vampira / Botanist

06. Deterministic Chaos / Oskoreien

07. Without You, I'm Nothing / Oskoreien

Weitere Informationen

Gelesen 550 mal Letzte Änderung am Mittwoch, 12 Februar 2020 01:04
Haimaxia

Impavidi progrediamur - sic itur ad astra.

Medien

EP3: Green Metal / Deterministic Chaos Botanist / Oskoreien / EP3: Green Metal-Deterministic Chaos / The Flenser

Footer Impressum Datenschutz

 Undergrounded 2020 -  ImpressumDatenschutzerklärung