Montag, 05 August 2019 21:11

19.-20.07.2019 - Mahlstrom Open Air - Herthasee, Holzappel - Firtan, Der Rote Milan, Ad Nemori, Precipitation, All Will Know, Storm Seeker +++

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Nach einer sehr erfolgreichen ersten Ausgabe 2018 ging das Mahlstrom Open Air am 19-20.07. in die zweite Runde. Als „das naturverbundene Festival“ hat man sich ein Alleinstellungsmerkmal geschaffen und hat am idylischen Herthasee in Holzappel eine perfekte Location dafür gefunden. Das Line-Up versprach zwei aufregende Tage mit Pagan und Black Metal die wir uns nicht entgehen lassen wollten.

Nicht oft gestaltet sich eine Anreise auf ein Festival so ruhig wie hier. Ein kleiner, ruhig gelegener See in Rheinland-Pfalz hat auf den ersten Blick wenig mit Metal zu tun. Das Wetter war bombastisch, die Orga schien gut organisiert – perfekt für ein Festival, das noch dabei ist, sich einen Namen zu machen. Nachdem man es sich auf dem Zeltplatz - einer kleinen Lichtung oberhalb des Sees - gemütlich gemacht hatte, ging es auf das Gelände direkt am See.

Thjodrörir eröffneten das Festival, pünktlich vor einem leider noch viel zu übersichtlichen Publikum. Pagan Metal mit „Zwergenthematik“ klingt auf dem Papier durchaus ungewöhnlich, doch verzauberte die erst 2016 gegründete Band schnell die ersten Zuhörer und es kam Bewegung ins Spiel. Musikalisch solide wirkten die Lieder des Debutalbums „Solstitium“, mit wirklich beeindruckend guten harschen Vocals, wodurch auch Fans, die weniger mit Pagan Metal zu begeistern sind ein Ohr riskieren konnten. Die recht steife Bühnenpräsenz ließ den Funken leider noch nicht ganz überspringen.

  

Umso dynamischer waren Precipitation, die kurzfristig für Vedrfölnir eingesprungen waren. Kurzfristig einspringen ist die Band definitiv gewöhnt waren viele Auftritte (beispielsweise auf der Darmstädter Konzertreihe „Metal Up Your Life“), durch kurzfristige Absagen entstanden. Dabei konnte man in den letzten Jahren die stetige Entwicklung der Band beobachten - vom Underground-Tipp hin zu einer gut eingespielten Größe im Darmstädter Raum beobachten. Grooviger Melodic Death, der einen ganz eigenen Charme besitzt und viele verschiedene Stile vereint und sich noch nie in eine eindeutige Schublade schieben lässt - so könnte man die Musik durchaus beschreiben. Songs wie Hideout und Cosmic sind schon lang auswendig mitsingbar, was durchaus den ein oder anderen Zuhörer mitriss. Trotz aller Dynamik und Spielspaß welche die Band mitbrachte, waren nicht alle dieser progressiven Musik angetan und tankten wohl noch Energie für die nächste südhessische Band.

   

An den Darmstädtern von All Will Know ist mit Sicherheit die letzten Jahre kaum jemand vorbei gekommen. Nach der Veröffentlichung ihres dritten Albums „Infinitas“, konnte sich ein treuer Fankreis entwickeln der es auch nach Holzappel geschafft hatte. Gewohnt kraftvoll ging es direkt mit Stücken wie „Behind your Mask“ und „The Circle never Ends“ in die Vollen, erstmals mit Steve an den Vocals, der Frank (Orcus Patera) ablöste und der Musik einen etwas härteren Anstrich verpasste. An Energie hat die Band keineswegs verloren und vor der Bühne war mindestens ebenso viel Bewegung. Die hörbaren Core Einflüsse machen die Musik zwar massentauglich und sehr eingängig, waren aber schon immer ein Kritikpunkt an der Musik. Mit etwas Bier konnte man da aber auch hinweg sehen und sich an den immer noch starken Riffs von Steffen und Jan erfreuen.

   

Nicht weniger kreativ setzten Storm Seeker mit ihrem Auftritt dort an, wo All Will Know aufgehört hat. Auch wenn (Piraten) Folk Metal nicht jedermanns Sache ist, muss man den sechs Piraten und Piraten[innen] aus Neuss eingestehen, dass ihre Musik jede Flaute aufheitert und es nicht immer allseits gehypte Bands wie Alestorm sein müssen. Mit Drehleier und Kontrabass bewaffnet erwischte man sich unerwartet freudig vor der Bühne beim Opener „Jack“ - einer der bekanntesten Songs an dem man nicht vorbei segeln kann. „Pirate Squad“ vom Debut Album „Beneath in the Cold“ hat ebenso Ohrwurm Potential wie „The Longing“, das vor allem durch die prägnanten Female Vocals besticht. Auch einige Lagerstein Fans versammelten sich für den ein oder anderen „Shoey“, was nicht nur die Band amüsierte, die schon öfters mit den Australiern auf Tour war.

   

So gern man sich auch Musik anhörte, gehörte auch die Atmosphäre um die Bühne zu einer guten Festivalerfahrung. Während man sich zur Umbaupause von Desdemonia am Merch Stand eindeckte und überlegte, ob man nicht doch noch ein Trinkhorn der ortsansässigen Hornschleiferei gebrauchen könnte, fand man genügend Plätze um die Natur zu genießen. Für nur 3€ konnte man sich im See direkt am Gelände abkühlen und Kraft für die nächste Kombo tanken.

Nachdem der Auftritt von Desdemonia wie im Fluge (durch das ein oder andere Gespräch) vergangen war, sicherte man sich zumindest die Front Row für Darkest Horizon. Auch hier hat sich in den letzten Jahr ein Wechsel an der Front abgespielt – Aurelius hat die Band verlassen und Enis, bekannt von den sehr geschätzten Death Metallern von Lucifers Breath, leiht nun der Band seine Vocals. Musikalisch hat sich die Band mit ihrem aktuellem Album „Aenigmata“ weiter in ihrem Symphonic/Melodic Death vertieft und ihren unverkennbaren eigenen Stil gefunden, der sich nur noch schwer einordnen lässt. Zu beeindrucken weiß die Band allemal, denn so kraftvoll und mitreissend zu sein, ist auch stets eine Herausforderung. Songs wie „Singularity Omega“ sind ein Paradebeispiel für modernen Death Metal, der nicht zu sehr von seinen schwedischen Wurzeln abhebt und dennoch Platz für Innovation lässt.

   

Die aus Russland stammenden Musiker von Welicoruss bildeten den Abschluss des ersten Abends mit ihrem Symphonic Black Metal, der nicht unbedingt jedem gefallen muss. Mit gewohnten Corpse Paint hieß es zu dämmernder Stunde auf der Zeltbühne das zahlreich anwesende Publikum zu begeistern sowie die letzte Show des Gitarristen der Band zu zelebrieren. Unser Team bevorzugte es bei einem kühlen Getränk Kontakte zu knüpfen und gedanklich den folgenden Tag vorzubereiten. 

Besonders zu betonen sei an der Stelle die Tontechnik, welche am ganzen Festivaltag nicht eine schlecht abgemischte Band in Erinnerung rufen lässt und gerade bei der keyboardlastigen Musik von Darkest Horizion viel dazu beigetragen hat, dieses Konzert zu einem Highlight werden zu lassen.

Das komplette Fotoalbum von Freitag gibt es auf der Website von Dark Art.

Tag 2:

Sichtbar geschwächt aber noch nicht am Ende begann der zweite und zugleich letzte Festivaltag mit praller Sonne und einer Unwetterwarnung für den frühen Nachmittag. Denn bereits gegen 10 Uhr hieß es fit sein, um die „kleine“ Wanderung auf den Höchst zu überstehen, wo der Akustikauftritt der gestern schon zu vernehmenden Band Precipitation auf sich wartete. Das Wörtchen „klein“ ist wohl sehr großzügig auslegbar, als nach gut dreißig Minuten das Ziel im Wald sichtbar war und fast der gesamte Trupp der schätzungsweise fünfzig wanderlustigen Metalheads sich schwer schnaufend ein Schattenplätzchen suchte. Glücklicherweise weckte das versprochene Freibier die Lebensgeister und der 2. Auftritt der Südhessen konnte beginnen. Für viele war das Akustikset sehr überraschend, denn wie schon auf dem neuesten Akustikalbum „The Flower of..“ zu hören ist, besann sich die Band mehr auf ihre Wurzeln im Blues, wodurch viele Songs des Vorabends gänzlich anders arrangiert wurden. Highlights waren auch hier „Hideout“, „Unavoidable“ und der Coversong „солдат“ (frei übersetzt: Soldat) als Zugabe und der erste Crowdsurfer der Band, welcher gerade auf einem Akustikauftritt nicht zu erwarten war. 

  

Da der Rückweg erneut Kraftreserven forderte, brauchte es eine längere Pause, wodurch von Krähenfeld leider nur noch ein einzelner letzter Song gespielt wurde, der wohl als Ausblick auf das diente, was man dank mangelnder körperlicher Fitness verpasst hatte.

Umso gespannter sehnte man sich dem Auftritt der Franken von Vehemenz entgegen, die schon das ein oder andere mal unser Interesse auf Konzerten weckten. Glücklicherweise zog das prognostizierte Unwetter knapp am Festivalgelände vorbei, wodurch nur noch bestes Festivalwetter am Herthasee übrig blieb und den Weg zur Bühne leichter machte. „Der Traum ... im Chaos“ war ein perfekter Opener um den harten Cut von Precipitation zu harschen Black Metal zu überwinden und in den Tag mit gebührend Hass zu starten. Leider fanden sich auch hier zum frühen Nachmittag nur wenige Zuhörer am Gelände wieder, was die Kombo nicht verdient hatte.

  

Ad Nemori waren die nächste Band auf dem Zeitplan, die bereits beim Reinhören auf dem Campground einiges mit ihrem sehr atmosphärischen (Black) Metal versprachen und eine willkommene Abwechslung im Line Up zu sein schienen. Als Geheimtipp kann man diese Band wirklich empfehlen. „Stone´s Creek“ wurde als Opener angespielt wurde und das Kopfkino ergänzten den visuellen Teil zur Musik. Musikalisch vereinte die Band viele Einflüsse, die alles in allem ein sehr rundes Bild erzeugten – kurzzeitig erinnerte es etwas an Agalloch – nur um jedoch im nächsten Moment aufs Gaspedal zu treten und das Bild der Band wieder neu zu erfinden. Sehr verspielt aber dennoch mit genügend Ernsthaftigkeit, um auch einem Schwarzmetaller zu gefallen. So war es eine wahre Freude dieser Band zuzuhören und stets neue Facetten zu entdecken.

  

Steorrah leben ebenso den Kontrast und brauchten eine kurze Einhörphase, um unseren Team zu gefallen. „The Altstadt Abyss“, das aktuelle Album der Bonner Progressive-Death-Metaller, war noch gut in Erinnerung mit seinen an Opeth erinnernden Songs, ebenso wie dem hohen spielerischen Anspruch, der anvisiert wurde. Live ist diese Kombination wirklich spannend und anders, gerade in Anbetracht der bisher eher schwarzmetallisch angehauchten Bands dieses Tages.

  

Firtan standen auf diesem, wie auch auf jedem anderen Festival Line-Up, auf der „Must See“ Liste zweifelsohne ganz oben. Selbst nach unzähligen Live-Auftritten wird man des Hörens nicht müde und begeistert sich abermals für die einzigartige und epochale Musik. So überrascht es wenig dass nach dem Intro von Seegang das gut gefüllte Zelt hellauf begeistert die Band feierte sowie von kopfschüttelnden Metalheads gestopft war. Perfekter Sound lies die Atmosphäre jedes einzelnen Songs im Zelt aufkommen und begeisterte von Track zu Track immer mehr. Episch und Erhaben war ebenso der Auftritt von Gastsänger Stephan (Jörmungand), dessen Performance bei „Wogen der Trauer“ und der Zugabe „Innenschatten“ nur als atemberaubend zu beschreiben ist. Gern mehr und öfter!

  

Trauer machte sich allerdings breit, als bereits der letzte Aufritt des Abends nahte - Der Rote Milan. Viele Besucher waren nach Ingrimm scheinbar bedient und schafften es nicht mehr ins Zelt zu einer der interessantesten Bands des Festivals. Markenzeichen der Kombo ist gnadenlos harscher Black Metal, der textual immer wieder verschiedenste originelle Abstecher macht, wie auf dem aktuellen Album „Moritat“ [Link zu meinem Review] zu hören war. Der Opener „Die Habsucht“ führte auch direkt in besagtes Album und gedanklich zum dreißigjährigen Krieg, während das Schlagzeug ohne Gnade Double Bass abliefert und Sänger „III“ spürbar den Text und die Musik auslebte. Die Band brauchte keine Pause oder Ansagen zwischen den Songs – ein Stück nach dem anderen wird ohne Gnade dargeboten, ohne dass Langeweile aufkommen konnte. „Drohende Schatten, Nebel und Regen, Der Abgrund“, alles perfekte, teils melancholische Stücke, die an Kraft kaum zu überbieten sind und das letzte aus dem Publikum heraus holten. Als um kurz nach 1 Uhr morgens mit „Moritat“ der Auftritt endet und etliche Zugaberufe im Nichts verhallten, wurde es Zeit das letzte Bier, welches garantiert nicht schlecht war, zu genießen und auf dem Zeltplatz die Eindrucke der letzten beiden Tage zu verarbeiten.

Alle Bilder des Tages gibt es auch hier bei den Dark Art.

  

Doch was bleibt hängen nach zwei Tagen auf „dem naturverbunden Festival“? Das Konzept ist auf jeden Fall spürbar gewesen – sei es bei Kleinigkeiten wie Holzbesteck zum Essen, welches durchweg von regionalen Betrieben stammte oder der lokalen Getränkeversorgung, Fairtrade Festival Shirts, der Mülltrennung selbst auf dem Festivalgelände und und und. Zukunft hat dieses Konzept allemal und sollte definitiv auch auf anderen Metalfestivals gut denkbar sein - das Mahlstrom Open Air macht es vor. Die Naturkulisse am Herthasee im beschaulichen Holzappel ist natürlich ebenso einzigartig und lässt viel Platz zum Entspannen oder Baden, auch abseits des Festivals.

Musikalisch bietet dieses Festival eine breite Mischung mit einigen Geheimtipps bei denen jeder etwas mitnehmen kann sowie überzeugenden Main-Acts, bei denen jeder gern vor die Bühne strömt um seine Lieblingsband vor einem etwas kleineren Publikum feiern zu können. Für zwanzig Euro ist dieses Festival mit überragenden Line-Up ein Geschenk an die Musikszene in Hessen und gehört in jedem Festivalplaner vermerkt. Sobald Bands oder ein Datum für die 3. Ausgabe fest steht, werden wir davon berichten und uns gern erneut auf den Weg ins Nassauer Land begeben um diese (noch kleine) Perle weiter zu unterstützen.

Weitere Informationen

  • Band(s): Firtan, Der Rote Milan, Precipitation, All Will Know, Storm Seeker uvm.
  • Wann: 19.-20.07.2019
  • Wo: Herthasee, Holzappel
Gelesen 450 mal Letzte Änderung am Donnerstag, 08 August 2019 08:15
Crimson

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