Dienstag, 28 Mai 2019 10:01

15.05.2019 - HELVETE, OBERHAUSEN - RETURN OF THE ENEMY TOUR +++ SHINING + SRD

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Shining / Season of Mist Shining / Season of Mist Return of the Enemy Tour 2019

Die Schweden von Shining um den kontroversen Frontmann Niklas Kvarforth sind in diesen Tagen wieder auf Tour durch Europa: Unter dem Banner "Return of the Enemy" präsentiert die Combo dabei ihr noch immer aktuelles zehntes Album "X-Varg Utan Flock" von 2017 und kehrte dabei auch am 15. Mai zum Tourauftakt im Oberhausener Helvete Metal Club ein. Mit dabei waren hatten sie die slowenische Black Metal-Säge Srd aus Ljubljana um den gerade mal 25-Jährigen Multi-Instrumentalisten Goran Slekovec. 

Und was haben die Supporter der Schweden ordentlich vorgelegt: Mit einiger Verspätung betrat die fünfköpfige Truppe die Bühne im Tiefgeschoss, legte aber gleich nach einem skurrilen, atmosphärischen Intro mit Kindergesang kompromisslos mit neuem Material los. Ihr 2017er Debüt "Smrti sel" vom slowenischen Label "On Parole Records" (u.a. Ater Era, Condemnatio Cristi) dürfte hierzulande weniger Beachtung gefunden haben - zu Unrecht, wie die gemeinsame Tour mit Shining nun in aller Deutlichkeit zeigen sollte. Entgegen der Norm hatte Shining-Sänger Kvarforth bereits früh angekündigt, bei keinem der Konzerttermine weitere Support-Bands, beispielsweise aus dem lokalen Raum, ins Abendprogramm aufzunehmen - stattdessen wollen er und seine Bandkollegen ihre Musik für sich sprechen lassen und brachten mit Srd nur eine auserlesene Gastband mit, von der auf Facebook angegeben wurde, dass Kvarforth selbst ein Fan ihrer Musik wäre. Versprochen wurde zum Ausgleich eine längere, intensivere Liveshow zweier vielversprechender Akteure der zeitgenössischen Black Metal-Szene: Leider wurde das durch eine Autopanne am Tourbus auf dem Weg ins Ruhrgebiet wohl wieder zunichte gemacht. (Anmerkung: Diese Panne zog sich, wie wir nun wissen, noch einige Zeit weiter durch die Tour, weswegen auch der Gig in Paris abgesagt werden musste.)

Wer sich im Vorfeld das Album angehört hatte, durfte schnell feststellen, dass Srds Live-Auftritte nicht nur besonders intensiv und schweißtreibend sind, sondern auch etwas mehr der Death Metal-Charakter der Band herausgekehrt wurde. Während Slekovecs Stimme auf der Platte noch etwas schneidender klingt, so ist der Live-Stil vom Naturell her dumpfer und tiefer. Das beeinträchtigte aber nicht die Wucht von Stücken wie "Kupa trpljenja" oder dem einzig Englisch-Sprachigen Stück "All Into Nothing", bei welchem man doch eine gewisse Ähnlichkeit zum Hauptact des Abends Shining ausmachen konnte - im Gegenteil. Die Slowenen präsentierten sich und die Szene ihres Landes qualitativ äußerst hochwertig, vor allem das finale Stück ihres Albums "Soči", mit dem sie auch ihren Gig beschlossen, ging ziemlich unter die Haut. Ein gesprochenes Intro, welches in einen wahren Rausch von Musik mündete. Definitiv eine Truppe, die man auf dem Schirm haben sollte, falls sie in Zukunft wieder den Weg in europäische Clubs oder auf Underground-Festivals finden sollte!

Pünktlich zum Tourbeginn brachten beide Bands auch eine gemeinsame Split-CD mit, welche es unglücklicherweise am Oberhausen-Termin noch nicht zu erwerben gab, was einige Fans etwas ernüchterte. Dafür gab es andere neue Merch-Artikel, die die Shining-Gemeinde erfreute. Besonders provokativ fiel hier das Shirt mit dem Planeten Erde im Fadenkreuz auf, dessen Rückenaufdruck den Spruch "The Only True Love Is The Unconditional Love As Seen Through The Eyes Of A Sniper" zierte. Überhaupt fällt ja auf, dass bei kaum einer Band im Rand-Genre des Black Metal so sehr auf Merch gesetzt wird und der Hype um neue Designs so groß ist wie bei Shining. 

Als gegen kurz vor 21 Uhr dann endlich der Auftritt von Shining losgehen sollte, fiel gleich auf, dass Kvarforth wohl ein "frisches Lineup" für die Tour mitgebracht hatte. Peter Huss an der Gitarre und Marcus Hammarström am Bass sind bereits länger im Kader, aber wer die Social Media-Kanäle von Shining in den letzten Monaten und im ganzen letzten Jahr seit Veröffentlichung des aktuellen Albums "X-Varg Utan Flock" nicht verfolgt hatte, musste unweigerlich den Überblick verloren haben, wer nun an den Drums und an der zweiten Gitarre zu sehen und hören war. Später verriet Kvarforth noch in typisch nonchalanter Manier, als er seine Bandkollegen vorstellte, wer sich hinter dem Gitarristen verbarg: "... And whatever the fuck he is, he is a french guy, he had only 3 days to learn the fuckin' songs." Das verrät auch einiges über die Planung der Tour und lässt auch etwas durchschimmern, dass die Arbeit in der Konstellation Shining womöglich problematischer Natur sein kann. Jedenfalls dankte Kvarforth seinem reservierten Franzosen auch, denn ohne ihn hätte man die ganze Tour unter Umständen canceln müssen.

Kommen wir nun aber zur großen Crux der Show: Stellenweise war der Gig durchaus stark, Songs wie "Jag är din fiende" oder "Han som lurar inom" vom 2017er Opus ließen durchweg deutlich werden, was Shining live kann und was für Brecher von Songs Kvarforth schreiben kann. Verwässert wurde der gesamte Auftritt aber leider (wieder) von der One-Man-Show des Frontmanns, der ganz offensichtlich nicht ganz Herr seiner Sinne war. Ob es nun Method Acting ist, das selbstzerstörerisch-anbiedernde Gehabe einfach zu einer Shining-Show dazugehört, oder das skurrile Verhalten des Sängers von manchen gefeiert und willkommen applaudiert wird - man muss es wollen. Man muss es mögen, dass der Mann rastlos auf der Bühne auf und ab geht, den Besuchern der ersten Reihe ihr Bier abnimmt (oder gleich den Flachmann, der ihm mit Freuden gereicht wird), sich Zigarette um Zigarette anreichen lässt oder er diese einfordert, den Emo-Mädchen in Reihe 1 die Mütze vom Kopf klaut oder sich auf ihren Köpfen abstützt. Man muss es mögen, dass er sexuelle Anspielungen macht oder sich beherzt in seine Hose greift, um eine halbe Minute später über die Gesichter seiner Fanbase zu streicheln. Das räudige Verhalten, das destruktive Temperament, die gespielte Arroganz - all das passt nun einmal auch perfekt zur ebenso düsteren, auf sich, die Mitmenschen und die ganze Welt einen feuchten Dreck gebenden Musik der Schweden.

Leider führte das aber auch dazu, dass es nahezu unmöglich war, einen Moment der Ruhe zu finden, um vernünftige Bilder vom Geschehen zu machen. Dass das Helvete an diesem Mittwochabend randvoll mit Besuchern war, half da auch nicht besonders. Kvarforth hatte einem Fan ja sogar sein Handy aus der Hand gerissen und ihn für den Film- oder Fotoversuch angemacht. Auch der Umgang der Bandmitglieder untereinander wirkte für jemanden, der die Gratwanderung zwischen Schauspiel und gewohntem Umgang mit Kvarforth und seiner tatsächlichen Eskapaden und Übertreibungen des Abends nicht durchschaute, eher befremdlich: Ständig umarmte er sein Ensemble, nahm die Herren in den Schwitzkasten, schlug sie, küsste sie oder schrie ihnen etwas ins Ohr, was nicht selten auch dazu führte, dass sie sich kurz verspielten oder es einen Aussetzer im Song gab, was definitiv nicht abgesprochen schien. Leider trübte das das Live-Empfinden der Songs. Vor allem "Vilja & dröm", eigentlich mittlerweile ein Shining-Klassiker, wirkte dadurch ganz schön fragmentiert und entfaltete definitiv nicht die Intensität, die man von dem Stück erwarten könnte. Darüber hinaus gab es mit dem Opener "Yttligare ett steg närmare total jävla utfrysning" und "Låt oss ta allt från varandra" auch gleich zwei Songs vom 2007er Album "Halmstad" zu hören, welche mittlerweile aus einer richtigen Shining-Show nicht mehr wegzudenken sind, aber leider auch nur stellenweise richtig überzeugten. Nämlich in den Passagen, in denen Kvarforth sich auf den Gesang konzentrierte, statt ziellos hin und her zu wandern und sich im Publikum jemanden auszugucken, den er grimmig anblickte oder an seine Brust drückte, um ihn zu liebkosen.

Schlussendlich bleibt uns nur zu sagen, dass es gewiss mittlerweile dazu gehört, dass man die Musik von Shining live nur in einem Paket mit Kvarforths Perversionen bekommt. Eigentlich ist das auch nur die Verkörperung derer, welche der Mann in seinen Songs heraufbeschwört, also eine logische Konsequenz einer Live-Show, die so auch zu einer kleinen Theater-Show wird. Das ist aber nur in so weit positiv für das Konzertempfinden, als dass die Stücke nicht zu stark verändert oder zerschnitten werden. Ob es Kvarforth an dem Abend gut ging, sei es psychisch oder körperlich, kann man nur spekulieren. Aber wenn er auf Knien einen inbrünstigen "Give me cocaine, for fuck's sake"-Schrei ausstößt und sich später ein Shirt vom Merchstand holen muss, weil er sein eigenes verloren/verlegt/zerrissen hat, spricht das nicht für einen so geplanten Abend. Oder es spricht gerade für Shining, dass genau so die "Return of the Enemy"-Tour begann. Ob das gesund ist? Zweifelsohne nicht. Aber ist das authentisch? Absolut. Vielleicht ist es genau das, was die Fans immer wieder zu Konzerten der Band treibt wie Motten ins Licht. Wir waren mit Abstrichen auf alle Fälle angetan, solange die liebgewonnenen Songs nicht vergewaltigt werden. 

PS: Den bizarren Moment, als ganz am Ende ein Football Hooligan-Song in typischem Punk Rock-Naturell angestimmt wurde und das Publikum Feuerzeuglicht auspackte, klammern wir mal aus.

Weitere Tourtermine im deutschsprachigen Raum:

01.06.2019 - Leipzig, Hellraiser

02.06.2019 - Erfurt, Club From Hell

03.06.2019 - Lyss (CH), Kufa

04.06.2019 - Mannheim, MS Connexion Complex

06.06.2019 - Hamburg, Kulturpalast

Photos by Anna Apostata

Weitere Informationen

  • Band(s): Srd, Shining
  • Wann: 15.05.2019
  • Wo: Helvete Metal Club, Friedrich-Karl-Str. 63, 46045 Oberhausen
Gelesen 720 mal Letzte Änderung am Freitag, 14 Juni 2019 12:13
Haimaxia

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Shining - Svart Ostoppbar Eld X-Varg Utan Flock / Season of Mist

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