Samstag, 07 März 2020 20:35

Unter dem Radar - Bees Made Honey In The Vein Tree (Psychedelic Rock/Doom Metal)

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Der Name mag schon für den einen oder anderen abschreckend wirken und eine böse Vorahnung auf die Musik geben: Bees Made Honey In The Vein Tree! Wer sich nicht so schnell täuschen lässt und ein Ohr riskiert, wird mit einer der vielversprechendsten Psychedelic-Bands aus dem Raum Stuttgart belohnt. Auf dem "Doom in Bloom Festival" 2018 im benachbarten Esslingen ist die Band das erste Mal für uns in Erscheinung getreten und seitdem mit stetiger Liebe auf dem Plattenteller aufgelegt und nie mehr vergessen worden. Nach dem aktuellsten Release im letzten Jahr war es klar, dass diese Band sich einen Platz in unserer Rubrik "Unter dem Radar" verdient hat.

Als Projekt von bereits jahrelangen Freunden beschlossen die vier Musiker im Jahre 2014 ihre Band zu gründen und ihrer Musik einen Namen zu geben. Dass dieser Zusammenhalt nicht nur seitdem sehr groß ist, sieht man auch daran, dass keinerlei Änderungen am Line-Up seit Gründung vorgenommen wurden, was heutzutage leider keinesfalls mehr selbstverständlich ist. Für ihr erstes Album "Medicine" im Jahre 2017 sind die jungen Stuttgarter in vielen Magazinen als eine der interessantesten Newcomer-Bands hoch gelobt worden und schlugen ein wie eine Bombe, mit verdient fantastischen Rezensionen. Im neusten Werk "Grandmother", welches im Februar 2019 erschien, spielte die Band noch mehr mit verschiedensten Themen, wodurch das Album um einiges düsterer und härter als das Debüt wurde, aber dennoch um einiges dynamischer und reifer. Nach ihrem Release tourten sie durch die Republik, um ihre Bekanntheit weiter zu steigern und auch den Menschen außerhalb von Baden-Württemberg ihre außergewöhnliche Musik näher zu bringen.

 

 Aktuelle Besetzung

Simon Weinrich - Guitars, Vocals

Lucas Dreher - Guitars

Marc Dreher - Drums, Vocals

Christopher Popowitsch - Bass

Diskographie

2017 - Medicine (Album)

2019 - Grandmother (Album)

 

Review zu "Grandmother"

Wer sich mit dem Debütalbum "Medicine" bereits gut anfreunden konnte, wird mit "Grandmother" regelrecht überrollt werden. Nicht nur an der Härte hat die Band ordentlich geschraubt, sondern ist auch einiges an Erfahrung und Experimentierfreude zweifellos in die Produktion mit eingeflossen. Mit dem über siebzehnminütigen Track "Cinitus" startet das Quartett diese Reise, auf die man sich am besten in Ruhe begibt. Mit langsamen, verzehrenden Tönen fließen die ersten vier Minuten dahin, als würde man auf einer warmen, kuschligen Wolke durch den Äther fliegen und nichts könnte einen erschüttern. Bis dann der im Hintergrund gehaltene, stark hallende Gesang einsetzt und mit zunehmender Verzerrung dieser Trip immer intensiver wird. Tempowechsel, mal schnell mal langsam, stets ineinander greifende Gitarrensoundwände und die gegen Ende immer mehr verträumter werdende Inszenierung gelingen tadellos und lassen ein stets warmes, beruhigendes Gefühl zurück. Nach harschen Gitarren folgen Parts mit ruhigem Hallgesang, der vom sanften, hypnotischen Riffing begleitet und stets spannend zum Ende gebracht wird. Ein absoluter Top-Track, der viel Vibes von vergangenen Tagen aufwirbelt und dennoch mehr Modernes als Altaufgewärmtes zu bieten hat.

Bei "Craving" schwingt eine gute Portion Post Rock mit, mitunter auch etwas Shoegaze. Vieles ist so gut und vielfältig umwoben und eingebunden, dass die stets flüssig ineinander übergehenden Melodien wie eins wirken. Die ruhigeren Töne stehen der Band genauso gut wie die härteren, da besonders die ersten Minuten immer die besonders mitreißenden Momente darstellen und gefühlt dem meisten Herzblut entspringen. Spätestens beim zweiten Track sollte dem Zuhörer klar geworden sein, dass so ein Album etwas Zeit braucht, um sich zu entfalten und wirklich Anklang zu finden. Diese ständigen Wechsel zwischen Flügen durch tiefe psychedelische Täler und den härteren Doom-Bergen ist so sanft und lückenlos gestaltet, dass eine genaue Zuordnung ohnehin nahezu unmöglich ist.

Ebenso wirkt "Grandmother", der Titeltrack, zunehmend wie ein Weltraumtrip unter Drogeneinfluss und stellt den wohl psychedelischsten Song der Platte. Stets mitreißend und an den richtigen Stellen mit dem markanten Hallgesang von Simon versehen entwickelt dieser Song mit zunehmender Dauer seinen ganz eigenen Charakter und könnte genauso gut eine eigene EP darstellen - mit seinem Ausmaß an Kreativität und Ideenreichtum, die hier an den Tag gelegt werden, definitiv der größte Anspieltipp des Werks. Vieles wirkt wie aus einer Zeitreise aus den 1980er Jahren, wird aber immer wieder mit solch genialen Ideen vesehen, hier etwas verzerrt, da etwas verhallt oder gar in den Hintergrund gelegt und mit zusätzlichem Riffing verfeinert. Einfach ein komplett neues Gesamtwerk, das seinesgleichen sucht.

Zum Ende wird mit dem letzten Track "Dionysus" noch einmal die Geschwindigkeit erhöht und mehr an der atmosphärischen, düsteren Schraube gedreht, die dieses Zweitwerk gerade ausmacht. Deutlich härter, mehr Beklemmung macht sich breit und fast schon tanzbare Riffs wechseln sich mit mehr Psychedelic ab. Zweifellos haben BMHITVT sich hier eine Nische geschaffen, die nur schwer beschreibbar zwischen all dem Doom, Post und Psychedelic Rock liegt und sich mit diesem Album wie ein bereits ewiger Bestandteil der Musik anfühlt. Man fühlt sich selten von einem Album so sehr angezogen wie von diesem, auch wenn es rau und schwer sein kann sich zunächst hinein zu finden. Wer aber die anfängliche Hürde überwunden hat, wird es höchstwahrscheinlich lieben und sich dieser Perle aus dem schönen Schwabenländle bewusst werden.

Tracklist:

01. Cinitus

02. Craving

03. Grandmother

04. Dionysus

Weitere Informationen

Gelesen 1621 mal Letzte Änderung am Montag, 04 Mai 2020 02:37
Crimson

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Grandmother Bees Made Honey In The Vein Tree / Grandmother / Independent