Freitag, 12 September 2014 10:31

Nahtoderfahrung - Der Seelen Abgrund

geschrieben von Oliver
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Der Seelen Abgrund Der Seelen Abgrund Nahtoderfahrung

Stirnrunzelnd stehe ich vor dem geistigen Erguss eines scheinbar schwer verwirrten „Künstlers“ und noch ehe ich einen ironischen Kommentar zu dem, was ich da sehe, von mir geben kann, fühle ich die Blicke anderer Betrachter, die mir zu verstehen geben wollen: „Schau nicht so, DAS ist Kunst!“

Und tatsächlich, manchmal täuscht der erste Eindruck und der künstlerische Gehalt eines Kunstwerkes erschließt sich erst nach mehrfachem Hinsehen. Viel zu oft aber zeugt dieses „Das-ist-Kunst“-Gerede vielmehr von dem Bedürfnis mancher Menschen, einem exklusiven Club anzugehören und demonstrativ alles abzufeiern, was dem Kunstverständnis der clubfremden zuwiderläuft...... während ich doch nur auf ein spermabeflecktes und mit Glit­ter abgedecktes Bild Saddam Husseins starre (R.I.P. Dash Snow).


Was hat das nun mit „Der Seelen Abgrund“ zu tun? Die Jungs von „Nahtoderfahrung“ haben sich nach kaum einem Jahr des Bestehens dazu entschieden, mit sehr bescheidenen Mitteln das, was sie innerhalb dieser kurzen Zeit erarbeitet haben, in Form eines Albums der Öffentlichkeit zu präsentieren. 34 Minuten schwach produzierter Black Metal sind das Ergebnis dieser Bemühungen. Da aber die Produktion niemals der einzige zu bewertende Faktor ist und sich Kellersound und gute Musik niemals von vornherein ausschließen, muss, analog zur Vorrede, die Bewertung dieser Scheibe an folgender Frage hängen: Habe ICH (Kunstnote: 4) diese geometrischen Formen zu einem seltsam aussehenden Frauenkörper zusammengeschustert, oder war es der Meister des Kubismus Pablo Picasso, der es verstand, durch einfachste Formen gewundene Ästhetik zu erzeugen .


Nahtoderfahrung wollen „melodischen“ aber dennoch „rohen“ Black Metal machen und beim ersten Hören glaubt man Vorbilder wie Eisregen, Nargaroth oder sogar Taake erspüren zu können. So groß aber die Ambitionen der beiden Macher sind, so groß ist ihr Scheitern bei dem Versuch, tiefgründigen und ursprünglichen, sich fernab vom Mainstream bewegenden Black Metal zu produzieren.


Dabei fängt die Scheibe gar nicht schlecht an. Nach einem zwar relativ belanglosen aber immerhin einigermaßen sauber eingespielten Intro startet „Der Seelen Abgrund“ mit dem Opener „Der graue Mann“ und schafft es zunächst durch aggressives Riffing, rhythmisches Gekeife und rockiges Schlagzeug durchaus Stimmung aufzubauen. Doch schon nach wenigen Minuten haben sich all jene Schwächen offenbart, die das Album zur kompletten Zeitverschwendung werden lassen und höchstens einem schadenfrohen Hörer zu geringem Amüsement ob des dargebotenen Totalversagens genügen. Das klingt hart. Aber einerseits ist die Aufnahmequalität derart schlecht, dass sich die heimische Anlage zeitweise durch Rauschen und Knacken gegen das Machwerk zu wehren scheint, andererseits kommt die Komposition jedes einzelnen Stücks so einfallslos und die Spieltechnik an den Instrumenten (lediglich eine Gitarre und Schlagzeug) so dilettantisch daher, dass ein anderes Urteil kaum möglich ist. So sind die Interpreten scheinbar nicht imstande, sich auf ein gemeinsames Tempo zu einigen. Nach nahezu jedem Fill-In hat man den Eindruck, als suchten Gitarre und Schlagzeug verzweifelt nach der nächsten „Eins“ und spurteten dabei um das einmal gewählte Tempo herum, um dieses dabei entweder hörbar abzusenken oder zu beschleunigen – kaum ein Song, bei dem dies nicht mehrere Male geschieht. Doch auch für sich betrachtet bekleckern sich Gitarre und Schlagzeug nicht gerade mit Ruhm. Die dargebotenen Riffs sind bestenfalls als Standard zu bezeichnen und wenn man doch mal glaubt, eine Perle gefunden zu haben, wird dieser Eindruck entweder durch mangelnde Konstanz im Gitarrenspiel oder durch die angesprochene Asynchronität mit dem Schlagzeug zunichte gemacht.


Apropos Schlagzeug: Meines Erachtens liegt hier die größte Schwäche von „Der Seelen Abgrund“. Das wiederholte Abspulen immer der selben und dazu simpelsten Drumbeats unter fehlerhafter Ausführung ist nicht Stilmittel, sondern wenn überhaupt große Genügsamkeit oder sogar purer Dilettantismus. Letztlich offenbaren die Doublebase-Passagen, dass es hier noch sehr viel Übung braucht, bis Luger auf dem Niveau spielen kann, das er benötigt, um ein anständiges Fundament für guten Black Metal zu legen.   Songwriting, das schwache Gitarrenspiel und die abwechslungslosen Drums lassen jeden Song, das ganze Album einfach nur dahinplätschern, sodass auch die weniger schwachen Vocals den schlechten Eindruck nicht zu heben vermögen.


Kratos hat zwar durchaus eine interessante Stimmfarbe, das Gekeife wirkt aber immer leicht erzwungen. Außerdem ist die Verteilung der gesungenen Silben auf den Takt stellenweise so seltsam, dass ich einige Male wirklich schmunzeln musste. Jedoch hapert es textlich nicht alleine an der metrischen Gestaltung. Selbst nach mehreren Versuchen der Exegese erschließt sich mir die Kernaussage mancher Texte einfach nicht (besonders deutlich bei „Lied der Geschichte“), sodass der Verdacht nahe liegt, dass man die Lyrics des ein oder anderen Songs um eine tiefgründig wirkende Metapher oder um einen nur scheinbar bedeutungsschwangeren Neologismus („Kristallschattenschein“) herum konzipiert hat, ohne dabei wirklichen Inhalt zu vermitteln. Dies gilt, zum Glück, aber nicht für alle Textpassagen. Das tragische Element am Ende von „Niedergang“, dem zweiten Track der Scheibe, als das lyrische Ich seinen Suizid im Moment des Sterbens zu bereuen beginnt und dies durch ein trockenes „ich dachte, ich wüsste es besser“ zum Ausdruck bringt, hat mich durchaus nachdenklich gestimmt. Das Niveau der Lyrics schwankt innerhalb der 34 Minuten von „interessant“ bis „peinlich“, was mich vermuten lässt, dass es sich um mehr als einen Verfasser handelt, der da seine Feder im Spiel hatte. Hierfür spricht auch die Vermischung suizidaler und sadomasochistischer Themen. Mal ist das lyrische Ich ein sadistischer Narzisst, mal ist es geplagt von Selbstzweifel und Depression. Diese inhaltliche Schizophrenie wirkt aber leider nicht wie eine kunstvolle Antithese, sondern vielmehr wie eine ungewollte Paradoxie.


Alles in Allem muss man „Der Seelen Abgrund“ somit als ein ziemlich missglücktes Debut der beiden jungen Musiker bezeichnen. Kratos und Luger haben sich schlichtweg zu wenig Zeit gelassen, eine ordentliche Komposition auf die Beine zu stellen, ihre Instrumente in den Griff zu bekommen und damit das abzuliefern, was ihnen vorschwebte - rauen, melodischen Black Metal. Das nächste Mal gilt es für die Beiden, ein durch Zeit und Geduld gereiftes, mit etwas professioneller Hilfe produziertes Werk abzuliefern und uns damit zu erfreuen, was wir an gutem Keller-Black-Metal mögen....ich erwarte keinen Picasso, aber aus schiefen und rauen Vielecken sollte etwas entstehen, das man irgendwie „Kunst“ nennen kann.


Tracklist:

1. Der graue Mann

2. Niedergang

3. Zu deinen Ehren

4. Lied der Geschichte

5. Der wahre Massenmörder

6. Minusmensch

7. Befreiung

8. Zeilen von der Schlachtbank

 

Bewertung:

2/10


Weitere Informationen

  • Band: Nahtoderfahrung
  • Album Titel: Der Seelen Abgrund
  • Erscheinungsdatum: 30.05.2014
  • Fazit: Alles in Allem muss man „Der Seelen Abgrund“ somit als ein ziemlich missglücktes Debut der beiden jungen Musiker bezeichnen. Kratos und Luger haben sich schlichtweg zu wenig Zeit gelassen, eine ordentliche Komposition auf die Beine zu stellen, ihre Instrumente in den Griff zu bekommen und damit das abzuliefern, was ihnen vorschwebte - rauen, melodischen Black Metal. Das nächste Mal gilt es für die Beiden, ein durch Zeit und Geduld gereiftes, mit etwas professioneller Hilfe produziertes Werk abzuliefern und uns damit zu erfreuen, was wir an gutem Keller-Black-Metal mögen....ich erwarte keinen Picasso, aber aus schiefen und rauen Vielecken sollte etwas entstehen, das man irgendwie „Kunst“ nennen kann.
Gelesen 3732 mal Letzte Änderung am Freitag, 12 September 2014 10:40